Dax-Bilanz zum Jahreswechsel: Wirecard schlägt Deutsche Bank

Dax-Bilanz: David Wirecard schlägt Goliath Deutsche Bank

Der kleine Finanzdienstleister ist der Aufsteiger des Jahres im Dax. Ein signifikantes Beispiel für Veränderungen im Zahlungsverkehr.

Die Schlagzeile stammt aus dem August dieses Jahres, und sie wird für viele Traditionalisten nahezu unglaublich geklungen haben. „Wirecard ist mehr wert als die Deutsche Bank“ titelte so manche Zeitung und beschrieb damit den nächsten Tiefschlag für die einst erfolgsverwöhnte größte Bank Deutschlands. Wirecard, der Online-Finanzdienstleister, wog damals 21,3 Milliarden Euro, die blau-weiße Großmacht von einst nur noch 21 Milliarden Euro. Mittlerweile haben beide wegen mancher Unruhe in der Finanzbranche deutlich an Wert eingebüßt. Die Deutsche Bank hatte zwischenzeitlich auch die alte Hackordnung wieder hergestellt, aber jetzt hat Wirecard wieder die Nase vorn.

Dabei ist der Dax-Aufsteiger des Jahres nicht mal ein wirklicher Neuling in der Branche, sondern ein Überlebender des Dotcom-Rausches zu Beginn des Jahrtausends – einer Zeit, in der allein das Wort Internet schon die Augen geldgieriger Anleger leuchten ließ. Damals hatte Wirecard aber noch ein Geschäftsmodell mit anderen Zielgruppen, virtuellen Casinos für Glücksspiele oder die Porno-Branche. Das ist aber alles Vergangenheit.

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Unabhängig davon, ob der eine oder der andere ein paar hundert Millionen Euro mehr an Börsenwert in die Waagschale werfen kann, dokumentiert die Entwicklung abseits aller Schwierigkeiten, mit denen die Deutsche Bank intern kämpft, noch einmal nachhaltig die Veränderungen im Finanzgeschäft. Die Finanzdienstleister nehmen immer mehr Raum im Geldgeschäft ein. Dass Wirecard in diesem Jahr nicht nur die Deutsche Bank überholt, sondern sogar die Commerzbank aus dem Dax katapultiert hat, wurde bei den Großbanken mit vermeintlicher Gelassenheit quittiert. Sie betrachten den Abwickler von Online-Zahlungen zumindest offiziell immer noch als Nischenanbieter. Und in der Tat ist Wirecard stark spezialisiert und betreibt so nur einen kleinen Teil des Geschäfts, mit dem Banken und Sparkassen groß geworden sind. Es geht um Überweisungen, um Online-Services, mobiles Bezahlen, um die Apps auf dem Smartphone. Und mit wachsender Bedeutung von Zahlungen über das Internet wächst die Bedeutung von Wirecard. Was in China und Skandinavien schon gang und gäbe ist, ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Allerdings werden immer noch vier von fünf Euro bar gezahlt.

Aber die Langfrist-Perspektive ist ein Grund, warum Banker heute nicht mehr von Finanzdienstleistern als Konkurrenz, sondern als Partner reden. Sich den potenziellen Wettbewerber ins Boot zu holen, kann eine erfolgreiche Strategie sein – von der auch Wirecard und Co. profitieren, weil sie damit Zugriff auf die immer noch gewaltigen Kundenstämme von Banken und Sparkassen bekommen. Aus Feinden werden Freunde.

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