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Bundestagswahl 2021 Wirtschaft: Was Ökonomen zum Wahlausgang und den Folgen für Finanzmärkte sagen

Aktien und Börse im Fokus : Was Ökonomen zum Wahlausgang und den Folgen für Finanzmärkte sagen

Die ersten Hochrechnungen zur Bundestagswahl 2021 zeigen starke Gewinne bei der SPD und herbe Verluste für CDU/CSU. Was bedeutet das für die Finanzmärkte? So äußern sich Ökonomen am Sonntagabend.

Die Sozialdemokraten mit ihrem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz sind ersten Hochrechnungen zufolge erstmals seit 2002 als stärkste Kraft aus der Bundestagswahl hervorgegangen, während CDU/CSU nach starken Verlusten ihr bislang schlechtestes Abschneiden hinnehmen muss. Allerdings zeichnet sich bereits eine schwierige Regierungsbildung ab, da mehrere Koalitionen möglich sind. Den Ausschlag geben werden die zur Nummer drei aufgestiegenen Grünen und die FDP, die sich als viertstärkste Kraft etablieren könnte.

Marcel Fratzscher, Präsident DIW-Institut:

"Ich hoffe, dass sich die neuen Regierungsparteien nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, sondern die Aufgaben klug und mutig untereinander aufteilen und die notwendige Entschlossenheit zur Veränderung haben. Deutschland steht vor den schwierigsten Herausforderung seit langer Zeit. Die neue Bundesregierung muss schnell wegweisende Entscheidungen zum Klimaschutz, zur digitalen Transformation und zur sozialen Erneuerung treffen. Wenn ihr dies nicht gelingt, wird Deutschlands wirtschaftlicher Wohlstand auf dem Spiel stehen und Europa Gefahr laufen im Systemwettbewerb mit China und den USA ins Hintertreffen zu geraten.

Die neue Bundesregierung sollte sich daher schnell finden und in den ersten 100 Tagen ein überzeugendes Programm mit Schwerpunkt Zukunftsinvestitionen, Entbürokratisierung und einer stärkeren Integration Europas angehen. Wir brauchen endlich mehr Mut zur Veränderung. Dazu gehört, den mächtigen Interessensgruppen die Stirn zu bieten und die größte Hürde für Reformen – die Besitzstandswahrung in Deutschland – zu überwinden."

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt:

"Viele Anleger und Unternehmer dürften erleichtert sein, dass ein rot-grün-rotes Bündnis im neuen Bundestag voraussichtlich keine Mehrheit hat. Das stärkt die Verhandlungsposition der FDP, ohne die niemand eine stabile Regierung bilden kann, wenn man von einer großen Koalition absieht. Ein wirtschaftspolitischer Linksschwenk ist damit vom Tisch. Aber auch ein marktwirtschaftliches Reformprogramm ist sehr unwahrscheinlich, weil die Grünen als unabdingbarer Partner jeder Koalition wirtschaftspolitisch anders ticken als die FDP. Eine wirtschaftspolitische Trendwende zeichnet sich damit nicht ab. Ich erwarte am Montag keine wesentlichen Marktreaktionen.

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Auf eine neue Bundesregierung kommt viel zu. Anders als Angela Merkel im Jahr 2005 übernimmt eine neue Regierung keine Volkswirtschaft mit einer herausragenden Standortqualität. Gemessen an Faktoren wie der Länge von Genehmigungs- oder Gerichtsverfahren, Steuersätzen etc., die für eine konkrete unternehmerische Tätigkeit wichtig sind und von der Weltbank erhoben werden, ist Deutschland innerhalb der EU nur noch ein mittelmäßiger Standort. Vor gut zehn Jahren lag Deutschland noch im vorderen Drittel."

Gabriel Felbermayr, Präsident Institut für Weltwirtschaft (IFW):

"Es wird vermutlich nicht für einen Rot-Rot-Grüne-Koalition reichen, damit ist nicht mit einer extremen Umstrukturierung der Wirtschaftspolitik in Deutschland zu rechnen. Aus wirtschaftlicher Sicht, ist dies zunächst eine gute Nachricht.

Deutschland steht nun aber eine schwierige Regierungsbildung ins Haus, die sich über Monate ziehen könnte. Ob Ampel, Jamaika oder Minderheitsregierung: Man muss damit rechnen, dass die zukünftige Regierung relativ schwach sein wird, weil sich ideologisch stark unterschiedlich positionierte Parteien auf ein Programm einigen müssen. Eine länger andauernde Lähmung und politische Unsicherheit bedeuten wirtschaftlich nichts Gutes, vor allem angesichts der enormen anstehenden Zukunftsaufgaben. Weil ohne die Grünen gar nichts geht, ist mit einer starken Ausrichtung auf Klimapolitik zu rechnen. Für andere Themen, zum Beispiel das Thema Rentenreform, wird wohl wenig Energie bleiben. Vermutlich wird in jeder Koalition ohne neue Schulden gar nichts gehen, weil man Geld für die Umsetzung wenigstens einiger der Lieblingsprojekte der Koalitionspartner brauchen wird, es aber immer bei einem Partner Widerstand für Strukturreformen geben wird."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank:

"An den Finanzmärkten wird der Wahlausgang gelassen aufgenommen werden. Zu einem Linksbündnis wird es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht kommen. Damit ist das größte Risiko aus Finanzmarktsicht ausgeräumt. Damit steht aber auch fest: Mit einem deutlichen Bruch der bisherigen Regierungsarbeit ist nicht zu rechnen. Auch der Einzug der SPD ins Bundeskanzleramt würde Kontinuität bedeuten. Olaf Scholz sind solide Staatsfinanzen wichtig, alleine das wirkt für die Finanzmärkten beruhigend. Und zunächst gilt: Solange die Regierungskoalition noch offen ist, gibt es ohnehin keinen Grund Finanzwetten abzuschließen. Der Euro wird auf die Bundestagswahl keine größeren Reaktionen zeigen."

Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe:

"Nachdem ein Linksrutsch offenbar vom Tisch ist, sind rechnerisch mehrere Koalitionen möglich, die neben Klimapolitik auch andere wichtige Themen vorwärtsbringen können. Dazu sollte vor allem auch eine Wachstumsagenda zählen, über die im Wahlkampf viel zu wenig gesprochen wurde. Vieles deutet allerdings auf schwierige und eventuell auch langwierige Koalitionsverhandlungen hin, vor allem im Falle eines Dreierbündnisses. Um den Kanzler zu stellen, werden CDU und SPD wohl zu den größten Zugeständnissen bereit sein. Aktieninvestoren dürften sich über das vertriebene rot-grün-rote Schreckgespenst erleichtert zeigen. Unabhängig vom künftigen Politikkurs bleiben Sachwertanlagen zentral, da sich an der Nullzinspolitik der EZB in der kommenden Legislaturperiode nichts ändern wird."

Der Außenhandelsverband BGA hat das Ergebnis der Bundestagswahl als klare Entscheidung der Wählerinnen und Wähler "gegen ein Links-Bündnis" gewertet. Nun sei es an den Gewählten, ein Bündnis zu schmieden, das "die überfälligen Weichenstellungen entschlossen angeht", erklärte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, am Sonntagabend. Dazu gehörten der Kampf gegen den Klimawandel "mit Tempo und Augenmaß" sowie eine "kluge Reform der Unternehmenbesteuerung".

Nötig seien zudem "endlich mehr Digitalisierung" und Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt sowie bei der Arbeitszeit, fuhr Börner fort. Nicht zuletzt müsse sich die neue Bundesregierung für offene Märkte und den weltweiten Freihandel einsetzen.

Der Präsident des Verbands der Familienunternehmer, Reinhold von Eben-Worlée, erklärte zur Wahl, ein rot-rot-grünes Bündnis wäre das "Worst-Case-Szenario für die Zukunft des Industriestandortes Deutschland". Er bezeichnete es deshalb als ein "sehr gutes Zeichen für die Stabilität, dass Rot-Rot-Grün offenbar keine Option ist". Eine Mehrheit für ein Bündnis von SPD, Grünen und Linkspartei war am Sonntagabend fraglich.

Das Handwerk warnte vor wochenlangen Koalitionsverhandlungen. Das müsse "vermieden werden, soll eine Erholung der Wirtschaft nicht abgebremst werden", erklärte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, am Wahlabend. Eine ähnlich lange Verhandlungsphase wie 2017 "ist in diesen ungewissen Zeiten das Letzte, was unsere Betriebe und Unternehmen gebrauchen können".

Es seien die Betriebe und Beschäftigten "gerade auch des Handwerks, die zwingend gebraucht werden, um die Zukunftsaufgaben beim Klimaschutz, bei der Energie- und Mobilitätswende, bei der Digitalisierung, bei demografieangepasstem Wohnungsbau, bei der Gesundheitsversorgung umzusetzen", fuhr der ZDH-Präsident fort. Daher müsse die Politik "alles vermeiden, was die Substanz der Betriebe schwächt".

Der Digitalverband Bitkom forderte, das Thema Digitalisierung "an die Spitze der politischen Agenda" zu stellen. Die neue Bundesregierung habe den Auftrag, "die Wirtschaft zu stärken und Deutschland in die digitale Zukunft zu führen". Auch der Bitkom-Verband forderte zügige Sondierungen - eine "Hängepartie" wie 2017 dürfe sich nicht wiederholen, das habe damals "wertvolle Zeit gekostet".

(felt/Reuters)