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AMC, Gamestop und Co: Krieg an der Wall Street - Wenn David Goliath das Fürchten lehrt

Krieg an der Wall Street : Wenn David Goliath das Fürchten lehrt

AMC, Gamestop, Naked Brand - diese Aktien kannten bis vor wenigen Tagen nur Börsen-Profis. Das hat sich schlagartig geändert. An den globalen Börsen tobt aktuell ein Kampf zwischen Kleinanlegern und Giganten. Und die Rebellen konnten zumindest einen Zwischensieg erringen.

Millionen Menschen haben in den USA durch die Corona-Pandemie ihren Job verloren und vorerst kaum Chancen auf einen neuen. Sie schlagen sich mit Schulden herum, teuren Krankenversicherungen, und viele driften noch mehr in Armut und Isolation ab. Gleichzeitig sind die Superreichen im vergangenen Jahr noch viel reicher geworden. Die Pandemie hat dieses Ungleichgewicht auf dramatische Weise verschärft. Tausende Aktivisten legen sich deshalb jetzt über Smartphones und Laptops mit der Wall Street an und bringen damit das US-Finanzsystem gewaltig ins Schlingern.

Fast zehn Jahre ist es her, dass Demonstranten der Bewegung Occupy Wall Street das Finanzzentrum der USA in New York belagerten, gegen die Praktiken der Spekulanten und den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik demonstrierten und eine Verringerung der sozialen Ungleichheit forderten. Die Wall Street machte danach mehr oder weniger weiter wie bisher, doch jetzt ist sie auf ganz andere Weise wieder unter Beschuss.

Aktivisten organisierten sich in einem Chatroom der Online-Plattform Reddit, kratzten ihr letztes Geld zusammen und investierten es über Trading-Apps wie Robinhood in den US-Videospielhändler Gamestop und andere angeschlagene Unternehmen. Deren Aktien legten daraufhin sagenhafte Höhenflüge hin und gleichzeitig - und keineswegs zufällig - verloren die Hedgefonds der Superreichen gewaltige Summen, weil sie Wetten darauf abgegeben hatten, dass die Aktien von Gamestop und anderen sinken würden.

Es mag wirken, als hätte der Kampf David gegen Goliath tatsächlich Erfolg, doch die Strategie der Erst- und Kleinanleger birgt große Risiken. Die Preise für die Aktien liegen mittlerweile um ein Vielfaches über dem Wert, der nach Umsatz, Gewinnen und wirtschaftlichen Aussichten der jeweiligen Unternehmen gerechtfertigt wäre. Jederzeit kann der Kurs einbrechen und den Aktivisten selbst ihr weniges Erspartes kosten.

Doch vielen ist das egal. Ein Reddit-User schrieb am Freitag, bei den Occupy-Protesten 2011 hätten die Hedgefonds-Spekulanten Champagner getrunken und auf die Demonstranten heruntergeschaut. „Ich würde lieber alles verlieren, als ihnen das zu geben, was sie brauchen, um mich zu vernichten ... Ich brenne es alles nieder, nur um ihnen zu trotzen.“

Diese Wut und der Antrieb der Aktivisten haben die Wall Street in Unruhe versetzt. Der Index S&P 500 verzeichnete soeben seinen größten wöchentlichen Verlust seit Oktober. Und die Gamestop-Aktie legte am Freitag noch einmal um fast 70 Prozent zu. 1600 Prozent waren es in den vergangenen drei Wochen.

„Sie haben herausgefunden, wie sie das gleiche Spiel spielen können, das die Wall Street schon seit langer Zeit spielt“, sagt Robert Thompson vom Bleier Center für Fernsehen und Populärkultur an der Syracuse University. „Ich bin überrascht, dass es nicht früher passiert ist.“

Einer von jenen, die die mächtigen Hedgefons-Manager in Verlegenheit bringen, ist der 27-jährige Zach Weir, der sich diese Woche fünf Aktien von Gamestop sicherte. „Ich bin ein Uni-Student, das ist also im Grunde eine Monatsmiete für mich“, sagt er über das Geld, das er dafür zahlte. Aber er glaube an das Anliegen dahinter. Er könne damit einen Videospielladen schützen, den er als Teenager immer geliebt habe, und gleichzeitig jenen Finanzjongleuren eins auswischen, die wollen, dass das Unternehmen bankrott geht, um so Geld zu verdienen.

Und wenn seine Monatsmiete verloren geht? „Wenn mein Konto auf Null geht, dann geht es auf Null“, sagt Weir. „Jetzt geht es um mehr als Geld.“

Die Frustration und der Wut über das finanzielle Ungleichgewicht in den USA sind seit Jahren groß, wie auch die Occupy-Bewegung zeigte. Und nirgendwo ist dieses Ungleichgewicht so deutlich zu sehen, wie an der Börse. Laut dem Ökonomen Edward Wolff von der New York University besitzen die reichsten zehn Prozent der Amerikaner rund 85 Prozent des Aktienvermögens.

Durch Internet-Plattformen und Apps, über die man ohne Kommission und mit einem Klick Aktien kaufen kann, ist die Wall Street mittlerweile aber auch der breiten Masse zugänglich. Und die Aktivisten nutzten in den vergangenen Wochen diese Möglichkeit, um eine dubiose Praxis der Hedgefonds gegen diese selbst zu richten. Deren Manager und andere professionelle Anleger spekulieren nämlich auf fallende Kurse einer Aktie. Mit einem sogenannten „Short Sale“ verkaufen sie Aktien, die sie eigentlich noch gar nicht besitzen, kaufen sie selbst erst zu einem späteren Zeitpunkt bei niedrigerem Kurs und streifen die Differenz als Gewinn ein.

Wenn eine Aktie steigt statt zu fallen, kann das allerdings auf katastrophale Weise schiefgehen, wie der Gamestop-Fall deutlich gemacht hat. Die „Short Seller“, die dann trotzdem die jeweilige Aktie kaufen müssen, treiben den Preis selbst zusätzlich weiter nach oben.

Dass gerade Gamestop zum Flaggschiff der Aktivisten wurde, ist kein Zufall. Einige von ihnen sind Gamer, die nicht zulassen wollen, dass die strauchelnde Einzelhandelskette den Praktiken der Wall Street zum Opfer fällt. Andere wollen einfach nur mit den Reichen und Mächtigen abrechnen, die es sich gut gehen lassen, während andere leiden.

Nicht alle der Kleinanleger machen allerdings aus Idealismus mit. Einige wollten einfach nur Geld verdienen, um ihre Rechnungen zu bezahlen, sagt Alexis Goldstein, die in der Occupy-Bewegung aktiv war. „Viele Leute suchen sehr verzweifelt nach neuen Wegen, um Geld zu verdienen.“

Am Ende werde die Revolte aber vermutlich scheitern, sagt Goldstein. Zum einen profitieren einige der Wall-Street-Firmen, die sich die Reddit-Nutzer vorgenommen haben, selbst von deren Aktion. Und die erfahrenen Spekulanten wägen natürlich ab, wie sie aus dem Chaos am besten profitieren können. Dabei hilft ihnen, dass die Reddit-Nutzer ganz öffentlich ihre Vorhaben ankündigen und die Profi-Anleger Zeit haben zu reagieren. „Ich vermute, dass es nicht die Robinhood-Investoren und Redditer sind, die das Geld verdienen“, sagt Goldstein.

(felt/dpa)