Frankfurt/M.: Fall Kirch: Neuer Ärger für Deutsche Bank

Frankfurt/M. : Fall Kirch: Neuer Ärger für Deutsche Bank

Neue Dokumente lassen offenbar den Schluss zu, die Bank habe schon vor der Kirch-Insolvenz Zerschlagungsszenarien durchgespielt. Dies könnte bedeutsam werden für die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Prozessbetrug.

Die Prozessrisiken der Deutschen Bank sind ein Dauerthema. Die neueste Wendung läuft unter dem Codewort "Barolo". Vielleicht hatten Investmentbanker der Deutschen Bank ein Geheimprojekt vor mehr als zehn Jahren mit dem Namen eines teuren italienischen Rotweins belegt, weil sie ein gutes Geschäft witterten. Die Staatsanwaltschaft scheint dem Projekt jetzt auf die Schliche gekommen zu sein. Jedenfalls zitiert die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) aus einer Mail, in der dieses Projekt beschrieben wird. Danach ging es um die Aufteilung des Medienkonzerns von Leo Kirch und die anschließende Verwertung – von Kirchs Anteilen am Springer-Konzern, an der Formel 1, seiner Filmrechte. Die Mail stammte nach SZ-Angaben vom 28. Januar 2002.

Im Verteiler stand auch Rolf Breuer, der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Nur wenige Tage später, am 4. Februar 2002, hatte Breuer in einem Fernsehinterview die Bonität des Kirch-Konzerns öffentlich angezweifelt. Kurz darauf war Leo Kirch wirklich pleite. Später sagte er: "Der Rolf hat mich totgemacht." Kirch und seine Erben – Leo Kirch starb 2011 – verlangen Schadensersatz. Den hat ein Gericht zuerkannt. Über die Höhe wird noch gestritten. Ein außergerichtlicher Vergleich über 800 Millionen Euro, den die Deutsche Bank angeboten hatte, kam nicht zustande.

Breuer und die Bank hatten bisher immer versichert, sie hätten nie die Idee gehabt, an der Zerschlagung von Kirch zu verdienen. "Anscheinend gibt es jetzt Fakten, die genau das Gegenteil sagen", sagt die Münchner Anwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht, Daniela Bergdolt. "Da bedarf es natürlich schon erheblicher Erklärungen", meint Bergdolt, zugleich Vizepräsidentin der Aktionärsvereinigung DSW.

Die Deutsche Bank sagt, sie nehme zu laufenden Verfahren nicht Stellung. Man darf annehmen, dass sie sich nun umso intensiver ein Urteil des Oberlandesgerichts München von dieser Woche anschaut. Das Gericht hatte festgestellt, Leo Kirch habe Geld aus dem Unternehmen herausgezogen, als er dies wegen drohender Insolvenz schon nicht mehr gedurft hätte. Die Kirch-Vermögensverwaltung muss nun Schadensersatz an den Insolvenzverwalter zahlen. Im Urteil heißt es, schon im Herbst 2001 sei die Kirch-Gruppe insolvenzreif gewesen – also Monate vor Breuers Interview. Das könnte ihn und die Bank entlasten. Zugleich aber könnte Breuer wegen Prozessbetrugs verklagt werden, wenn ihm nachgewiesen würde, die Zerschlagung Kirchs betrieben zu haben. Dagegen, so berichtet die "Süddeutsche" unter Berufung auf Prozessbeteiligte, werde Co-Chef Jürgen Fitschen durch die neue Aktenlage entlastet. Er habe damals nichts von "Barolo" gewusst. Auf jeden Fall sei die neue Lage "erklärungswürdig und erklärungsbedürftig in hohem Maße", meint Aktionärsschützerin Bergdolt.

Für Prozessrisiken hat die Deutsche Bank rund vier Milliarden Euro zurückgestellt. Davon werden jetzt 1,4 Milliarden Euro gebraucht. Sie fließen an eine Treuhänderin der halbstaatlichen US-Baufinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Denen hatte die Deutsche Bank Wertpapiere verkauft, die mit zweifelhaften Hypothekenkrediten besichert waren. Darüber, so der Vorwurf, habe die Deutsche Bank nicht richtig informiert. Von diesem Vorwurf befreit sich die Bank nun durch die 1,4-Milliarden-Euro-Zahlung.

(RP)