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Ex-Renault-Chef Ghosn erhebt Vorwürfe nach seiner Flucht aus Japan

Ex-Renault-Chef Carlos Ghosn : Auftritt eines Abgetauchten

Ex-Renault-Chef Ghosn hat sich nach seiner Flucht aus Japan erstmals öffentlich geäußert. Der Zeitpunkt kam für den Autobauer eher ungelegen.

Uwe Hochgeschurtz hat vermutlich damit gerechnet, dass die Frage kommen würde. Und natürlich hat er sich eine Antwort schon zurecht gelegt – oder besser gesagt: eine Nicht-Antwort. Er wolle sich dazu nicht äußern, sagte der Deutschland-Chef von Renault, als ein Journalist die Namen Luca de Meo und Carlos Ghosn in den Raum warf.

Dabei wäre es interessant, speziell zu letzterem Thema seine Gedanken zu erfahren. Immerhin kommt es ja nicht alle Tage vor, dass der eigene Ex-Chef verhaftet wird, mehrere Monate in einem japanischen Gefängnis verbringen muss und nach seiner Freilassung auf Kaution vermutlich in einer Kiste versteckt per Privatjet in den Libanon flieht.

Und während Hochgeschurtz am Mittwoch in Düsseldorf die Renault-Geschäftszahlen für den deutschen Markt vortrug, bereitete sich Ghosn in Beirut auf seinen Auftritt vor. Wie würde der Ex-Manager, der Renault und Nissan in Personalunion führte, seine Flucht rechtfertigen? Wenig später gab es Gewissheit: Der 65-Jährige tobte und zürnte, sprach davon, in Japan als Geisel genommen und aus der Familie gerissen worden zu sein. Nun wolle er seinen Namen reinwaschen, seine Ehre wiederherstellen. Er sei nicht vor der Justiz geflohen, sondern Ungerechtigkeit und Verfolgung entkommen.

Die japanische Staatsanwaltschaft wirft Ghosn unter anderem vor, Firmenkapital zweckentfremdet und private Verluste auf Nissan übertragen zu haben. Ob sich der Auto-Manager diesem Verfahren jemals stellen wird, ist unklar. Japan sucht ihn zwar inzwischen per internationalem Haftbefehl, doch Ghosn hat auch einen libanesischen Pass – eine Auslieferung ist praktisch ausgeschlossen.

Und während der 65-Jährige in Beirut darüber räsoniert, welche Verluste sein Abgang Renault und Nissan beschert habe (“Dutzende Millionen pro Tag“), versuchen sie beim französischen Hersteller, das Thema Ghosn so gut wie möglich auszublenden. Mit Luca de Meo geistert ein Name durch die Branche, mit dem der Platz an der Renault-Spitze besetzt werden könnte. Der langjährige Seat-Chef hat am Dienstag seinen Rücktritt bei der VW-Tochter bekanntgegeben.

Man kann es Uwe Hochgeschurtz nicht verdenken, dass er lieber über Absatzzahlen und neue Modelle als über diese Personaldiskussionen spricht – zumal Renault sich in Deutschland im vergangenen Jahr ordentlich geschlagen hat. Die Franzosen, seit Jahren mit ihren Marken Renault und Dacia größte Importmarke, konnten ihre Neuzulassungen um 5,1 Prozent auf 243.300 Pkw und leichte Nutzfahrzeuge steigern und den Marktanteil von rund 6,2 Prozent nahezu stabil halten. Allerdings: Während die Absatzzahlen von Dacia zweistellig zugelegt haben, stagnierte das Geschäft bei der Kernmarke Renault.

Und trotz Klima- und Mobilitätsdebatten ist Deutschland-Chef Hochgeschurtz optimistisch, wenn er in die Zukunft blickt. „2020 werden das Bruttoinlandsprodukt und die Beschäftigung in Deutschland so hoch sein wie nie zuvor, die Arbeitslosigkeit gleichzeitig so niedrig wie nie zuvor – das sind doch tolle Rahmenbedingungen.“

Klimadebatte hin oder her: Auch in den kommenden Monaten dürften SUVs zu den Verkaufsschlagern von Renault zählen, bei den Modellen Renault Captur und Dacia Duster stiegen die Absätze bereits im vergangenen Jahr deutlich stärker als bei anderen Modellen – mit Ausnahme vielleicht des Elektroautos Zoe, dem seit Jahren meistverkauften Fahrzeug in diesem Segment in Deutschland.

Doch diese Position dürfte aufgrund neuer Konkurrenz, 2020 kommt unter anderem der VW-Hoffnungsträger ID3 auf den Markt, unter Druck geraten. Hochgeschurtz ist dennoch optimistisch. Die 2020er, so der Manager, würden das Jahrzehnt der Elektromobilität. Ex-Chef Ghosn dürfte der Zukunft deutlich weniger hoffnungsvoll entgegenblicken.