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Brüssel: EU verschärft Abgas-Grenzen

Brüssel : EU verschärft Abgas-Grenzen

Neuwagen sollen künftig nur noch 95 Gramm Kohlendioxid je Kilometer ausstoßen. Derzeit liegt der Schnitt bei 136 Gramm. Umweltverbände werfen der EU vor, sich dem Druck der deutschen Premium-Hersteller gebeugt zu haben.

Brüssel zwingt die Auto-Hersteller zum Bau spritsparender Pkw: In Europa zugelassene Neuwagen dürfen ab dem Jahr 2020 im Schnitt nur noch 95 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilometer ausstoßen. Das entspricht einem Verbrauch von rund 3,9 Litern Benzin oder 3,4 Litern Diesel auf 100 Kilometern. Entsprechende Pläne hat EU-Klima-Kommissarin Connie Hedegaard gestern vorgestellt. Damit verschärft sie die geltenden Abgas-Grenzwerte noch mal deutlich. Derzeit blasen Pkw im europaweiten Schnitt 136 Gramm des klimaschädlichen Treibhausgases in die Atmosphäre. Bis 2015 müssen die Autobauer stufenweise das Limit von 130 Gramm im Flottendurchschnitt erreichen – was einem Verbrauch von 5,2 Litern auf 100 Kilometern gleichkommt.

Nach Berechnungen des europäischen Verbraucherschutzbundes BEUC zahlen Pkw-Fahrer dank der neuen Abgas-Obergrenzen zwischen 340 und 450 Euro jährlich weniger an der Zapfsäule. Auf die Lebenszeit eines Pkw hochgerechnet beläuft sich die Ersparnis beim Sprit auf gut 3800 Euro. Allerdings könnte dies durch einen höheren Anschaffungspreis zumindest teilweise aufgefressen werden. Denn die Produktionskosten pro Auto steigen durch die klimaschonende Technologie je nach Modell um rund 1000 bis 2000 Euro.

Pkw sind für rund 15 Prozent der CO2-Emissionen in Europa verantwortlich. Die Grenzwerte für die Autoabgase sollen dazu beitragen, dass die EU ihre Klimaschutzziele erreicht. Der Kohlendioxid-Ausstoß muss danach bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 1990 zu sinken. Über die Pläne müssen jetzt das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten beraten.

Die neuen Vorgaben seien "ambitioniert, aber durchaus erreichbar", so Klima-Kommissarin Hedegaard. Das sehen die Autobauer anders. Unter den Herstellern tobt seit Monaten ein Kampf um die finanziellen Lasten, die aus der Neuregulierung erwachsen. Es geht darum, wie das Ziel auf die einzelnen Gewichtsklassen herunter gebrochen wird, so dass der Durchschnittswert von 95 Gramm CO2 für die gesamte europäische Neuwagenflotte aller Hersteller erreicht wird.

Fiat darf demnach laut Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) ab 2020 im Schnitt 88 Gramm Kohlendioxid je Kilometer ausstoßen, Daimler 100 Gramm, BMW 101 Gramm und Volkswagen 96. Jedes Gramm zu viel zieht eine Strafe von 95 Euro pro Auto nach sich. Das klingt wie ein Sieg für die deutschen Premiumhersteller.

Umweltverbände werfen der Kommission folglich auch vor, dem Druck der deutschen Autolobby nachgegeben zu haben. Die geplanten Regeln seien ein "Lobbyerfolg der deutschen Spritschluckerproduzenten", sagt Rebecca Harms, Chefin der Grünen im Europaparlament. Greenpeace spricht von einer "Mogelpackung". Da sich die Hersteller zudem emissionsarme Elektroautos auf die Produktion großer Autos mit hohem Spritverbrauch anrechnen lassen könnten, müssten sie die 95 Gramm nicht erreichen. "Die vorgeschlagenen Standards tragen die Fingerabdrücke der Autolobby", meint Franziska Achterberg.

Die deutschen Premiumhersteller weisen solche Vorwürfe zurück. Im Gegenteil, sie sehen sich sogar benachteiligt. Denn aus ihrer Sicht wurde die Berechnungs-Formel in letzter Sekunde so verändert, dass Daimler und BMW einige Gramm mehr reduzieren müssen als sie dachten, Fiat hingegen weniger. Das soll allein für BMW nun Zusatzkosten von 300 Millionen Euro bedeuten. Hedegaard betreibe "unsinnige und gefährliche" Industriepolitik zugunsten der Kleinwagenhersteller in Italien und Frankreich, kritisierte der FDP-Europa-Abgeordnete Holger Krahmer.

(RP)