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Brüssel: EU-Pläne: Obstbeutel stehen vor dem Aus

Brüssel : EU-Pläne: Obstbeutel stehen vor dem Aus

Im Schnitt verbraucht jeder Europäer 200 Plastiktüten im Jahr. Der meiste Müll landet im Meer und lässt Tiere verenden. Die EU will den Staaten nun erlauben, dünne Plastiktüten zu verbieten oder Steuern auf sie zu erheben.

Die EU sagt Plastiktüten den Kampf an: Die Mitgliedsstaaten sollen den Griff zur Einwegtragetasche über Steuern und Abgaben unattraktiver machen oder sie ganz verbieten. Grund für den Vorstoß ist der große Schaden, den Plastikmüll in der Umwelt anrichtet. Die Vorschläge müssen noch von den Mitgliedsstaaten abgesegnet werden.

Was schlägt die EU vor?

Die EU-Staaten müssen binnen zwei Jahren den Gebrauch der Tüten eindämmen. Mit welchen Maßnahmen sie das tun und wie stark die Reduktion ausfällt, das überlässt Brüssel den Hauptstädten. Die EU schätzt, dass der derzeitige Verbrauch insgesamt um bis zu 80 Prozent verringert werden kann, wenn alle EU-Staaten mitziehen. Im Jahr 2010 wurden in der EU schätzungsweise 98,6 Milliarden Kunststofftragetaschen verwendet.

Verbannt Brüssel die Tüte ganz?

Nein. Die EU gibt den Hauptstädten nur die rechtliche Möglichkeit, Plastiktüten zu verbannen. Denn bisher ist dies durch Artikel 18 der Verpackungs-Richtlinie verboten. Brüssel erlaubt es nun. Alternativ empfiehlt die EU Steuern oder Gebühren, um den Verbrauch zu drosseln. Als Vorbild gilt Irland. Dublin hat mit einer Plastiktüten-Abgabe von 22 Cent seinen Verbrauch in zehn Jahren um 95 Prozent gesenkt – von 328 auf 21 Tüten pro Kopf.

Sind alle Plastiktüten betroffen?

Nein. Reduziert werden soll nur die Menge der dünnen Tüten mit weniger als 0,05 Millimetern Dicke, wie sie etwa fürs Einpacken von Obst und Gemüse verwendet werden. Die robusteren Tüten, die nicht gleich weggeworfen werden, sind nicht im Visier der Behörde.

Was macht die Bundesregierung?

"In Deutschland stellen Plastiktragetaschen kein relevantes Umweltproblem dar", erklärte gestern eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums. Für ein Verbot oder eine Abgabe bestehe keine Veranlassung. Einzelhändler müssten sich für die von ihnen in Verkehr gebrachten Tragetaschen an einem dualen System beteiligen und hierfür ein Entgelt bezahlen. Kunststoffverpackungen, zu denen Plastiktüten zählen, würden mittlerweile zu fast 100 Prozent verwertet.

In anderen EU-Ländern sieht es dagegen anders aus: "In 20 Ländern geht der Müll ungetrennt einfach auf die Deponie. Das ist eine Todsünde", sagt Karl-Heinz Florenz, CDU-Umweltexperte im Europaparlament. In Großbritannien werden nur fünf Prozent der Plastiktüten recycelt, in Griechenland sogar weniger als ein Prozent.

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Was fordern Umweltschützer?

Der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, will eine generelle Bezahlpflicht. Das heißt: Auch in Kaufhäusern, Elektro- oder Bekleidungsgeschäften sollen Plastikbeutel nicht mehr kostenlos abgegeben werden. Der Umweltschutzbund Nabu plädiert für einer Steuer auf Einwegtüten. Die wirkt durchaus: In Dänemark, wo Einwegtüten besteuert werden, ist der Verbrauch pro Einwohner auf vier pro Jahr gesunken.

Wie groß ist das Umweltproblem?

Jeder Europäer benutzt laut EU-Kommission knapp 200 Plastiktüten pro Jahr. Um die 90 Prozent davon sind leichte Einwegtüten wie die für den Obsteinkauf. In manchen Ländern liegt der Verbrauch bei über 400 Tüten pro Jahr. Die Deutschen nutzen im Jahr durchschnittlich 71 Tüten pro Person, 64 davon sind Einwegbeutel.

Zu einem großen Teil gelangen die schlecht abbaubaren Tüten in die Meere. Laut UN-Umweltprogramm treiben rund 13 000 Plastikpartikel auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche – durch Strömungen werden diese weltweit verteilt. Wegen der Müllteppiche im Meer sterben jährlich Hunderttausende Vögel und Meeressäuger. Sie verheddern sich zum Beispiel im Plastikmüll oder fressen Kunststoff. Eine Folge sind schwere Verletzungen, an denen die Tiere sterben können. Über die Nahrungskette könnten winzige Teilchen auch in den menschlichen Körper gelangen, warnen Fachleute. "Wir haben schon jetzt einen neuen Kontinent, einen Müllkontinent", sagte Umweltkommissar Janez Potocnik. Auch das Bundesumweltamt warnt: "Plastik hat eine sehr lange Abbauzeit und zersetzt sich zum Teil in immer kleinere Teile, wobei Additive wie Weichmacher oder Flammschutzmittel freigesetzt werden."

Was passiert, wenn die EU-Staaten einfach nichts machen?

Brüssel droht mit EU-weiten Reduktions-Ziele für den Plastiktütenverbrauch, sollten die Hauptstädte nicht genug unternehmen. Ein Expertenvorschlag ist, dass konkrete Minderungsziele wie beim Treibhausgasausstoß gesetzt werden und zum Beispiel bis 2020 jeder EU-Bürger nur noch 40 Plastiktüten im Jahr verbrauchen darf.

(RP)