Interview mit Lanxess-Chef Axel Heitmann: "Empfehle nüchterne Debatte über Fracking"

Interview mit Lanxess-Chef Axel Heitmann : "Empfehle nüchterne Debatte über Fracking"

Axel C. Heitmann ist seit 2004 Vorstandsvorsitzender des Kölner Spezialchemiekonzerns Lanxess. Zudem leitet er seit April 2013 den Ausschuss Außenwirtschaft beim Bundesverband der deutschen Industrie (BDI). Im Interview spricht der Chemiker aus Hamburg über die Strompreise, eine Reform der Ökostrom-Förderung und das Freihandelsabkommen mit den USA.

Sind die hohen Strompreise eine Gefahr für Industriearbeitsplätze in Deutschland?

Heitmann Während bei uns die Energie-Preise stetig steigen, sinken sie in den USA durch die Schiefergas-Revolution dramatisch. Der Wettbewerbsnachteil ist mittlerweile so groß, dass wir ihn auch nicht mehr durch Innovation und Technologiesprünge ausgleichen können, was bisher das Erfolgsrezept des Exportmotors Deutschland war. Das wird zunehmend dazu führen, dass bestimmte Produktionen in Deutschland sich immer weniger lohnen.

Gilt das auch für Lanxess?

Heitmann Es ist noch zu früh, das zu beurteilen. Klar ist: Einige Rohstoffe stehen für US-Wettbewerber für ein Viertel des Preises zur Verfügung. Lanxess versucht das über Effizienzsteigerungen in der Produktion abzufangen. Sollten wir das nicht mehr können, müssen wir über ganz neue Ansätze nachdenken.

Ein Preistreiber in Deutschland ist das EEG. Die EU-Wettbewerbshüter drohen, die Befreiung der energieintensiven Industrie — wie Chemie und Stahl — von den Ökoenergie-Förderkosten zu kippen. Droht dann eine Pleitewelle?

Heitmann An solche Horrorszenarien mag ich gar nicht denken. Alleine für Lanxess reden wir über etwa eine dreistellige Millionensumme pro Jahr, die an Mehrbelastung auf uns zukäme. Das Geld stünde dann nicht zur Verfügung für Forschung, Innovationen und Aufwendungen in neue Produktionen, die wir dringend brauchen, um uns in internationalen Märkten zu behaupten.

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat am Donnerstag in Brüssel versucht, den EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia milde zu stimmen. Mit Erfolg?

Heitmann Ich würde mir wünschen, dass es gelungen ist. Frau Kraft genießt in dieser Sache meine volle Unterstützung. Ebenso wie die Bundeskanzlerin hat sie erkannt, dass eine Befreiung energieintensiver Industrien von der EEG-Umlage notwendig und vernünftig ist. Über die gesamte Produktions- und Wertschöpfungskette sichert allein die Chemieindustrie in der Region NRW mehr als 320.000 Arbeitsplätze. Das sollte Brüssel nicht ignorieren.

Es zeichnet sich ab, dass die Ökostrom-Rabatte für einige Industrien massiv gekürzt werden oder wegfallen. Bundesumweltminister Altmaier will sie auf jene Unternehmen konzentrieren, die sie am dringendsten brauchen. Ein gangbarer Weg?

Heitmann Noch stehen Details ja nicht fest. Klar ist aber: Die chemische Industrie steht im internationalen Wettbewerb und kann keinerlei Mehrbelastungen verkraften. Alles, was unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter gefährdet, würde dazu führen, dass einige Produkte in Deutschland nicht mehr rentabel hergestellt werden könnten.

Schwarz-Rot will das neue Erneuerbare —Energien-Gesetz bis zum Sommer 2014 reformieren. Was muss aus Ihrer Sicht dabei beachtet werden?

Heitmann Erneuerbare Energien haben inzwischen einen erheblichen Anteil am Energiemix. Sie sind reif, sich unter normalen Bedingungen am Markt zu behaupten.
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Das bedeutet: Die feste Einspeisevergütung muss fallen?

Heitmann Bisher zeichnet sich lediglich eine neue Form der Umverteilung der EEG-Umlage ab. Wir müssen das Problem an der Wurzel packen — dazu gehört auch, dass wir Anreizsysteme auf den Prüfstand stellen und gegebenenfalls zurückfahren. Dann haben wir auch keine Problem mit den Brüsseler Wettbewerbshütern mehr.

Deutschland steht wegen seines massiven Außenhandelsüberschusses am Pranger. Die USA haben uns eine Gefährdung der Weltwirtschaft vorgeworfen, die EU prüft ein Verfahren, an dessen Ende eine Geldstrafen stehen könnte. Verkehrte Welt?

Heitmann Niemand profitiert davon, wenn man Deutschlands Export schwächt. Die Bundesrepublik ist nicht deswegen im Außenhandel so stark, weil wir Preisdumping betreiben oder mit anderen unzulässigen Mitteln unsere Wettbewerber an die Wand drängen. Unser Überschuss entsteht durch unsere leistungsstarken Produkte und Dienstleistungen, die auf den Weltmärkten gefragt sind.

Der Lauschangriff des US-Geheimdienstes NSA auf das Handy der Kanzlerin hat Rufe nach einer Aussetzung der Verhandlungen über eine Freihandelszone zwischen Europa und den USA provoziert. Fürchten Sie negative Auswirkungen der Spähaffäre auf die Wirtschaftsbeziehungen?

Heitmann Die Gespräche über eine Freihandelszone zwischen Europa und den USA dürfen durch die Debatte um politische Reaktionen auf die Spähaffäre auf keinen Fall belastet werden. Das sind zwei Paar Schuhe. Unter keinen Umständen darf es zu einer Aussetzung kommen. Damit würden wir nur uns selbst schaden.

Wie wichtig ist ein gemeinsamer zollfreier Markt zwischen EU und USA mit gleichen Regeln für die deutsche Industrie?

Heitmann Das T-TIP-Abkommen hat eine historische Dimension. Es würde die größte Freihandelszone der Welt schaffen. Schon heute repräsentieren EU und USA die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung. Durch das Abkommen steigt die Wirtschaftsleistung auf beiden Seiten nach seriösen Berechnungen um 0,5 Prozent — umgerechnet auf einen durchschnittlichen Privathaushalt in der EU entspricht das einem Plus von rund 550 Euro im Jahr. Alleine in Deutschland entstünden zudem mehr als 100.000 neue Jobs. Dieses kostenlose Konjunkturprogramm brauchen wir dringend. Ein Scheitern des Freihandelsabkommens würde die Wirtschaft in Europa und den USA weiter schwächen.

Sollte der Datenschutz — Stichwort Industriespionage — in das Abkommen mit aufgenommen werden?

Heitmann Das muss die Politik entscheiden. Was aber dringend mit einbezogen werden sollte, ist der ungehinderte Zugang zu Rohstoffmärkten. Das Freihandelsabkommen kann einen neuen Energieprotektionismus in den USA verhindern helfen. So gibt es etwa Stimmen in den USA, die Exporte von Schiefergas ablehnen.

Sollte Deutschland eine weniger ideologisierte Debatte über Schiefergas führen?

Heitmann Ich empfehle eine nüchterne Debatte über Schiefergas, die sich an Fakten orientiert. Klar ist: Wenn für unsere Konkurrenz in den Vereinigten Staaten auf Schiefergas basierende Produkte und Rohstoffe — wie Ethylen — zu einem Viertel unserer Kosten zur Verfügung stehen, dann gefährdet das langfristig die Geschäfte der chemischen Industrie in Europa. Denn nur mit Effizienzsteigerung werden wir diesen Kostenvorteil nicht ausgleichen können.

Lanxess als Kautschuk-Produzent für Reifen macht der schwächelnde Autoabsatz Probleme. Was halten Sie vom Einsatz der Kanzlerin, die geplanten Brüsseler Abgas-Grenzwerte für Pkw im Sinne von Daimler, BMW und Co. der deutschen Premiumhersteller abzuschwächen?

Heitmann Der Einsatz der Kanzlerin ist berechtigt. Es geht nicht darum, die anspruchsvollen Klimaziele aufzugeben, sondern Sie mit Blick auf den Zeithorizont realistisch zu gestalten. Für mehr CO2-Reduktion sind neue Technologien nötig. Die deutsche Industrie ist da führend. Lanxess etwa leistet mit Kautschuk für grüne Reifen oder mit Hochleistungskunststoffen für den Leichtbau substanzielle Beiträge. Aber die Hersteller brauchen Zeit, solch neue Technologien auszuprobieren und zu implementieren — und die Märkte brauchen Zeit, sie anzunehmen.

Die EU hat sich eine Re-Industrialisierung zum Ziel gesetzt, will den Anteil EU-weit auf 20 Prozent bis 2020 bringen. Spüren Sie davon etwas bei den EU-Regeln, die aus Brüssel bei der deutschen Industrie ankommen?

Heitmann Den Worten müssen jetzt auch Taten folgen. Weitere Belastungen der Industrie jedenfalls bewirken genau das Gegenteil von dem, was wir in Europa eigentlich erreichen wollen: mehr Wachstum, mehr Wohlstand, mehr Beschäftigung. Die EU könnte dazu einen wichtigen Beitrag leisten: Durch Planungssicherheit für Investitionen, durch eine faire Energiepolitik und durch kluge Regulierung, die Innovationen zulässt und fördert statt sie zu bremsen.

Zum Beispiel?

Heitmann Die Verknappung von CO2-Zertifikaten zur Wiederbelebung des Emissionshandels ist ein Paradebeispiel für die zuweilen unausgewogenen Entscheidungen in Europa, die sich negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen auswirken. Hier wird ohne echte Notwendigkeit in einen funktionierenden Markt eingegriffen, um die Preise hochzutreiben. Die Folge: Die Unternehmen verschieben wegen fehlender Planungssicherheit wichtige Investitionsprojekte oder geben sie ganz auf.

Mit Axel Heitmann sprach Anja Ingenrieth.

(ing)