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Einzelhandel und Corona: Die Angst des Handels vorm Lockdown

Omikron-Variante bereitet Sorgen : Die Lockdown-Angst des Handels

Nach dem ohnehin schwachen Weihnachtsgeschäft würden Zwangsschließungen wegen Omikron die Branche erneut hart treffen. Jeder zweite Händler sieht laut Branchenumfragen schon bei Fortsetzung von 2G seine Existenz in Gefahr.

Anfang November waren die Verantwortlichen im Handel noch vergleichsweise guter Dinge. Damals sagte der Branchenverband HDE für das Weihnachtsgeschäft, das definitionsgemäß die Monate November und Dezember umfasst, ein Wachstum von zwei Prozent voraus. Und auch wenn das prognostizierte Plus vorrangig dem Boom im Onlinehandel und im Lebensmittelgeschäft zu verdanken war, keimte ein wenig Hoffnung auf bessere Zeiten auf – auch wenn der Vergleichszeitraum 2020 schon einer unter Corona-Einschränkungen mit zeitweisen Zwangsschließungen der Geschäfte gewesen war.

Gut sieben Wochen später herrscht angesichts von 2G im Handel Enttäuschung vor, nachdem das Geschäft in der Adventszeit zu wenig gebracht hat. Jedes Mal hofften die Anbieter vor dem Wochenende auf mehr Kundenverkehr, jedes Mal erfüllten sich ihre Hoffnungen nicht. Mehr als drei Viertel aller Händler waren schon vor Weihnachten enttäuscht, glaubten aber, dass es dank Gutscheinen und Geldgeschenken in den nächsten Tagen und Wochen ein bisschen besser wird.

Was fast noch schlimmer ist als die frustrierende Weihnachtsbilanz: Es geht die Sorge um vor einem erneuten Lockdown wegen der Omikron-Variante des Virus. „Wenn die Inzidenz in die Höhe schnellt, werden wahrscheinlich wieder weniger Menschen in die Innenstädte kommen“ sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth der Deutschen Presse-Agentur. Und das, nachdem die Branche sich in den meisten Bundesländern vergeblich gegen die 2G-Regeln gewehrt hat und dadurch das Geschäft nach Angaben der Unternehmen häufig bereits um ein Drittel geschrumpft ist.

Während das Onlinegeschäft weiter floriert, droht sich die Lage im stationären Handel noch einmal deutlich zu verschlimmern, wenn Omikron sich breit durchsetzt. Schon unter dem Fortbestand der geltenden 2G-Regeln fürchtet die Hälfte der in einer HDE-Untersuchung befragten Unternehmen um die eigene Existenz.

Gleichzeitig ist nicht nur der Handel enttäuscht über die Ergebnisse aus dem Weihnachtsgeschäft. Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, spricht bei den Weihnachtsmärkten von einem „finanziellen Desaster. Die Einschränkungen waren einfach zu stark“, sagte Ritter dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Seine Bilanz: zwei Drittel Umsatzrückgang allein durch 2G, nur noch fünf bis zehn Prozent der vergleichbaren Erlöse dort, wo 2G plus galt, Geimpfte und Genesene also auch noch einen aktuellen negativen Schnelltest vorweisen mussten. Darunter haben auch die Weihnachtsmärkte in der Region spürbar gelitten.

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Und wenn tatsächlich ein Lockdown im stationären Non-Food-Handel käme? „Die Geschäfte nach schwachen Wochen des Weihnachtsgeschäfts zu schließen, würde Existenzen in Gefahr bringen und noch dazu nicht zielführend sein“, sagt Genth. Sein Pendant Peter Achten vom Handelsverband NRW wird noch deutlicher: „30 Prozent der Händler, die keine Waren des täglichen Bedarfs verkaufen, haben Existenzsorgen. Wenn jetzt ein Lockdown käme, wäre das für viele von ihnen der Todesstoß.“

Schon jetzt sieht man beim Bummel durch Innenstädte die zunehmende Zahl leerer Ladenlokale. Rund 50.000 von ihnen könnten verschwinden, hat Genth zu Beginn der Pandemie gesagt. Natürlich nicht nur wegen Corona, aber das Virus und seine wirtschaftlichen Folgen sind und waren ein Brandbeschleuniger. Wobei längst nicht jeder, der seinen Laden aufgibt, vorher Insolvenz angemeldet hat. Manche, die in Corona-Zeiten keine sinnvolle Perspektive mehr für ihr Geschäft sehen, nutzen den Ablauf von Mietverträgen, der ihnen den Ausstieg problemlos möglich macht. Andere haben ohnehin keine Nachfolge für ihr Geschäft und sowieso das unternehmerische Ende geplant.

Will sagen: Die Motive sind vielfältig, bisweilen vermischen sie sich, aber Corona verstärkt mitunter die Überzeugung, dass die Schließung die richtige Entscheidung ist. „Jeder sieht, dass in seiner eigenen Stadt auf einmal Läden verschwinden. Die Lücken wieder zu schließen, wird schwer werden“, glaubt Genth.