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Einzelhandel: „Durch 2G kommen bis zu 40 Prozent weniger Menschen“

Einzelhandel : „Durch 2G kommen bis zu 40 Prozent weniger“

Die Pandemie treibt das Online-Geschäft, die Umsätze in den Ladenlokalen sinken. „Ein neuer Lockdown wäre für die Branche ein Fiasko“,sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes HDE.

Der deutsche Einzelhandel hofft im Weihnachtsgeschäft trotz Beeinträchtigungen durch die Corona-Pandemie auf ein Umsatzplus von zwei Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr. Den Zuwachs auf 112 Milliarden Euro hätte er allerdings allein dem Online-Geschäft zu verdanken, der um mehr als ein Sechstel steigen dürfte, wie Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung in Düsseldorf sagte. Dabei machen gerade mal sechs Prozent aller Händler mehr als eine Umsatzhälfte über das Netz, wie eine HDE-Umfrage ergeben hat; beim weitaus größten Teil liegt dieser Anteil unter zehn Prozent.  Aber was Große a la Amazon, Zalando und Co. umsetzen, reicht für ein deutliches Plus im Gesamtmarkt. Das stationäre Geschäft werde dagegen etwa 1,3 Prozent einbüßen, so Genth.

Das Weihnachtsgeschäft besteht für den Handel aus den Monaten November und Dezember. Auf diesen Zeitraum entfällt etwa ein Viertel des gesamten Online-Jahresumsatzes, der in diesem Jahr etwa 87 Milliarden Euro betragen dürfte. Das entspräche einem Plus von fast einem Fünftel, während das stationäre Geschäft ein Minus von mehr als einem Prozent beklagt. Das klingt noch nicht mal so erschreckend, wie man es in der Pandemie befürchten könnte, ist aber vor allem der der Tatsache geschuldet, dass der Lebensmittelhandel und hier vor allem das Supermarkt-Geschäft in Corona-Zeiten gewaltig gewachsen ist, während beispielsweise so mancher Textilfilialist extreme Einbrüche erlitten hat.

Insofern sind das aktuelle Infektionsgeschehen und die möglichen Folgen für den Handel natürlich eine erneute Bedrohung. „Die 2G-Regeln bringen Frequenzrückgänge in den Städten“, sagt Genth. Er spricht von 30 bis 40 Prozent. Wer nicht geimpft oder genesen ist, geht womöglich nicht in die Stadt, auf die Weihnachtsmärkte darf er/sie ohnehin nicht. Und auch unter den Geimpften und Genesenen lässt die Lust zum Shopping unter diesen Bedingungen offensichtlich nach, beispielsweise wegen der Sorge um Impfdurchbrüche. Genth fordert „ausgewogene und zielgerichtete Corona-Maßnahmen mit fairem Lastenausgleich“. 2G im gesamten Handel ist aus seiner Sicht keine Lösung, wenn sie verpflichtend ist. „Wenn beispielsweise Juweliere oder Brautmodengeschäfte das freiwillig machen, ist das natürlich möglich“, erklärt Genth. Aber eben nicht verpflichtend für alle. Da betont der Handel für sich und die Gastronomie, dass es keine weiteren Sonderopfer geben dürfte, und dass man durch Studien belegt eben kein Hotspot für Infektionen sei. Genth ist klar für eine Impfpflicht: „Die ist notwendig, hilft aber nicht unmittelbar.“ Ein weiterer Lockdown würde die Unternehmen extrem treffen. „Das wäre ein Fiasko. Bei manchen ist das Eigenkapital nahezu aufgezehrt.“ Ob erneute Zwangsschließungen verfassungsrechtlich mit Blick auf die Verhältnismäßigkeit haltbar wären, ist eine andere Frage. Der HDE schließt für diesen Fall Klagen von Unternehmen nicht aus.

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Als dringend notwendig sieht Genth die Notwendigkeit von Hilfen für den Handel. „Die Unternehmen brauchen Unterstützung bei Investitionen“, sagt er und erneuert Verbandsforderungen nach einem Digitalisierungsfonds von 100 Millionen Euro, einem Sonderprogramm Innenstadtstabilisierung mit jährlich mindestens 500 Millionen Euro für fünf Jahre und einem auf Bundesebene angesiedelten Institut, das diese Aktivitäten koordinieren möge.

Im Koalitionsvertrag der Ampel-Koalition sieht Genth durchaus positive Punkte, aber auch neue Belastungen für den Einzelhandel. Dau gehören die Umlage der Plastikabgabe auf Hersteller und Verkaufsstellen sowie die geplante Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro. Genth hält Klagen gegen diese Erhöhung für durchaus denkbar: „Die Frage ist, ob es verfassungsrechtlich machbar ist, dass der Gesetzgeber über im Rahmen der Tarifautonomie beschlossene Vereinbarungen hinausgeht.“ Er gehe davon das, dass Arbeitgeberverbände „das hinterfragen werden“. Die Ampel-Pläne seien an diesem Punkt „beschäftigungsfeindlich. Im Handel gebe es Entgeltgruppen, die weniger als zwölf Euro verdienten. Das sind vor allem Ungelernte, deren Job Genth bei einem Mindestlohn von zwölf Euro in Gefahr sähe. Die Digitalisierung könnte sich dann beschleunigen, glaubt er, beispielsweise durch Self-Scanning-Kassen, bei denen kein Personal mehr notwendig ist.