Ein indisches Startup entwickelte einen Motorradhelm mit Luftfilter

Erfindung aus Indien : Dieser Gründer hat einen Motorradhelm erfunden, der die Luft filtert

Wie eine Hochzeitsreise in die Schweiz einen Inder dazu inspirierte, Helme mit Luftfiltern zu entwickeln. Die Geschichte eines Startups, das Motorradfahrern Frischluft ermöglicht.

Hustenreiz, Halsschmerzen und ein Brennen in den Augen müssen in Neu Delhi nicht zwangsläufig Symptome für eine drohende Erkältung sein. In der indischen Hauptstadt deuten diese Anzeichen meistens auf ein ganz anderes Problem hin: Smok. Auf der Weltrangliste der Orte mit der schlechtesten Luftqualität lagen im vergangenen Jahr allein 14 indische Städte auf den ersten 20 Plätzen. Eine Kehrtwende ist nicht absehbar. Denn offene Kochstellen, die Industrie und der Verkehr mit all den Autos, Tuck Tucks und aberhunderten von Motorrädern sorgen für konstant hohe Feinstaubwerte. Doch für Letztere hat ein junges Startup namens „Shellios“ nun eine Lösung. Sie haben den weltweit ersten Motorradhelm entwickelt, der die Luft für den Fahrer filtert. Denn eingebaute Filter im Inneren des Helms verhindern, dass gesundheitsgefährdender Feinstaub eingeatmet wird.

„Ich saß mit meinem Bruder nach meiner Hochzeitsreise in die Schweiz zusammen und erzählte ihm von der guten Luft“, sagt Amit Pathak. Sie hätten gescherzt, ob es nicht irgendwie möglich sei, die frische Schweizer Bergluft nach Indien zu importieren. Möglich war das damals wie heute nicht wirklich. „Aber was wäre, wenn man den Feinstaub aus der Luft filtern würde? So haben wir damals weitergedacht“, sagt der 40-Jährige. Aus den Überlegungen wurde bald ein Helm, der in seiner Form an einen Actionheld-Kopfschutz erinnert. Er soll eine Art Frischluftblase für den Träger erschaffen.

Feinstaub kann von der menschlichen Lunge nicht gefiltert werden und erhöht das Risiko für gesundheitliche Beschwerden. Einer Gesundheitsstudie zufolge sollen allein im Jahr 2017 1,2 Millionen Inder an den Folgen von verschmutzter Luft gestorben sein. Damals wurden in Neu Delhi die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation um mehr als das 30-fache überschritten, die Konzentration an Feinstaub lag im Tagesmittel bei bis zu 800 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zum Vergleich: Die Unbedenklichkeitsgrenze der Weltgesundheitsorganisation wird bei 25 Mikrogramm und die der Europäischen Union bei 40 Mikrogramm verortet. In Düsseldorf Bilk lag der Wert im gleichen Jahr bei 56 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Die Helme sehen beinahe aus wie gewöhnliche Motorradhelme, nur dass sie im hinteren Teil eine Wölbung für den Filter besitzen. Dieser muss alle zwei Monate gewechselt werden. Foto: Philipp Anft

Erfinder Pathak und ein zehnköpfiges Entwicklungsteam haben aus dem Problem eine Geschäftsidee entwickelt. Ihre Büros liegen auf einem umzäunten Universitätsgelände im Osten Neu Delhis. Im fensterlosen Besprechungsraum, der mittig zwischen den Büros liegt, leben im Neonschein gewiss hundertmal so viele Mücken wie der kleine Raum an Menschen fassen könnte. Trotzdem ist es ein Privileg für die Entwickler, an genau diesem Ort forschen zu dürfen. Denn sie wurden - wie 29 andere Projekte - von der indischen Regierung auserwählt und in der Entwicklungsphase finanziell unterstützt.

Über seinen Onlineshop hat Pathak seit Verkaufsbeginn im November 2018 erst 30 Exemplare verkauft. Der Erfinder des Helms sieht im indischen Markt jedoch ein großes Potential: „Schätzungen zufolge haben wir in Indien rund 200 Millionen gemeldete Zweiräder und jährlich wächst der Markt zwischen zehn und zwölf Prozent.“ Allein in Neu Delhi seien eine halbe Million Motorradfahrer unterwegs. Blickt man sich jedoch auf den Straßen um, so tragen die wenigsten einen Helm.

Es sind die ersten Motorradhelme mit Luftfilter weltweit. Foto: Philipp Anft

Gewöhnliche Schutzhelme kosten am Straßenstand rund 15 Dollar. Die Helme von Pathak fangen bei 50 Dollar an, mit Bluetooth-Funktion kosten sie schon 75 Dollar. Für die Bevölkerungsschicht, die sich mit dem Motorrad fortbewegt, oft eine große Investition.

Eine Studie ergab, dass im jahr 2013 das jährliche Pro-Kopf-Durchschnittseinkommen in Indien bei 616 US-Dollar lag. Das bedeutet, dass die Hälfte der Befragten, die an der Untersuchung beteiligt sind, ein Jahreseinkommen von weniger als 616 US-Dollar erzielt haben und die andere Hälfte darüber liegt. Mit diesem Durchschnitt belegte Indien bei der Untersuchung von insgesamt 131 Ländern den 99. Platz. Zum Vergleich: Deutschland lag in der Untersuchung auf Platz 10 mit einem jährlichen Pro-Kopf-Durchschnittseinkommen von 14.098 US-Dollar.

Und auch wenn die indische Wirtschaft seither gewachsen ist, so scheinen die Kosten für den Helm unter diesen Umständen horrend, können sich Geringverdiener, die maßgeblich das Motorrad zur Fortbewegung nutzten, einen solchen Helm kaum leisten. Höhere Klassen hingegen nutzen meistens klimatisierte Autos – nicht selten haben sie einen eigenen Fahrer.

„Wenn das Produkt erst einmal in höheren Klassen etabliert ist, werden auch die anderen folgen und so werden langfristig die Kosten auch sinken“, sagt der Erfinder. Mit dem Helm allein ist es jedoch dauerhaft nicht getan. Denn alle zwei Monate muss – bei rund drei Stunden Fahrt täglich – der Filter gewechselt werden. Diese kosten rund drei Dollar pro Stück.

Neben der gefilterten Luft besitzt der Helm auch eine eigene Klimaanlage – Laufzeit vier bis sechs Stunden, dann muss der Helm wieder aufgeladen werden. „Wir wollten alle Vorteile eines Autos in den Helm transferieren“, sagt Pathak. Er denkt auch über eine visuelle Navigation in der Sichtfläche nach. Musikhören und Telefonieren ist jetzt schon möglich – obwohl fraglich bleibt, ob das der Verkehrssicherheit wirklich dienlich ist.

Der Beitrag entstand infolge einer von journalist.network e.V. organisierten Recherchereise.

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