1. Wirtschaft

E-Auto-Hersteller e.Go aus Aachen will nach Insolvenz an die Börse

Börsenpläne nach Insolvenz : Firmengründer Schuh steigt bei Aachener Elektroauto-Hersteller e.Go aus

Nach der Insolvenz des E-Auto-Herstellers will sich der Professor wieder mehr um seinen Lehrstuhl kümmern – so zumindest die offizielle Lesart des Unternehmens. Doch es gibt auch eine andere Version.

Rothe Erde statt Grünheide: Noch vor ein paar Monaten hätte man bei diesem Vergleich lauthals gelacht. Doch während im brandenburgischen Grünheide noch immer nicht absehbar ist, wann dort Autos des US-Unternehmens Tesla vom Band rollen können, laufen im Aachener Stadtteil Rothe Erde die letzten Vorbereitungen für den Neustart. Beim Elektroauto-Hersteller e.Go hat man wieder große Pläne.

Im vergangenen Jahr musste e.Go Insolvenz anmelden. Investoren wie der Zulieferer ZF Friedrichshafen oder die Essener RAG-Stiftung waren offenbar nicht mehr bereit, die Verluste der Firma weiter zu finanzieren. Stattdessen kaufte die niederländische Private-Equity-Gesellschaft ND Industrial Investments das Unternehmen gemeinsam mit Firmengründer Günther Schuh und dessen Management-Team aus der Insolvenzmasse heraus. Unter dem Namen Next e.Go Mobile wagt man seit September den Neustart. Und der soll schon in wenigen Monaten an die Börse führen.

Die Produktion soll im Juli wieder anlaufen

Am Donnerstag gab das Unternehmen bekannt, dass die Produktion des Elektro-Kleinwagens e.Go Life im Juli wieder anlaufen soll. Außerdem, heißt es in einer Mitteilung, habe man damit begonnen, „den Prozess einer möglichen Börsentransaktion zu prüfen“. Firmenkenner sagen, dass dabei auch ein Börsengang per Spac diskutiert wird.

Beim einem Spac (einer Abkürzung für „Special Purpose Acquisition Company“) wird eine leere Firmenhülle an die Börse gebracht. Mit dem dabei eingenommenen Geld wird anschließend ein Unternehmen gekauft und so durch die Hintertür an die Börse gebracht. Das Modell ist umstritten. Kritiker befürchten, dass die Verantwortlichen keine geeigneten Firmen finden – und so auch nicht geeignete Unternehmen den Weg an die Börse finden.

Allein die RAG-Stiftung hat rund 36 Millionen Euro verloren

Für ND dürfte sich eine solche Transaktion hingegen lohnen. Nicht mal 20 Millionen Euro sollen von den Niederländern insgesamt geflossen sein, um e.Go aus der Insolvenz zu kaufen, heißt es im Umfeld des Unternehmens. ND wollte sich dazu auf Anfrage unserer Redaktion nicht äußern. Die Summe wäre ein Schnäppchen gemessen an den früheren Investitionen. Kostenpflichtiger Inhalt Allein die RAG-Stiftung räumte zuletzt ein, dass sie mit ihrer 3,6-prozentigen Beteiligung an e.Go einen Betrag in der Größenordnung von 36 Millionen Euro verloren hat.

  • 08.06.2021, Nordrhein-Westfalen, Essen: Der Sitz der
    Wo die Kohlestiftung ihr Geld anlegt : RAG-Stiftung verbrennt Millionen bei Autobauer E.Go
  • Das Baugelände der Tesla Gigafactory östlich
    US-Autohersteller Tesla : Jetzt will Musk auch eine Batteriefabrik in Brandenburg bauen
  • Der Ausblick aus der Blue Origin-Kapsel.
    Kindheitstraum : Amazon-Gründer Bezos will mit Bruder ins Weltall fliegen

Für e.Go wiederum wäre der Spac eine gute Möglichkeit, Kapital aufzunehmen – und davon braucht der Autobauer eine ganze Menge. Die Produktion ist kapitalintensiv. Und die im Frühjahr bei einer Finanzierungsrunde von Investoren eingesammelten 30 Millionen Euro dürften nicht lange reichen.

Ende Mai verlor Günther Schuh seine Ämter bei e.Go

Gründer Günther Schuh spielt bei den Börsenplänen unterdessen praktisch keine Rolle mehr. Beim Neustart hatte er noch den Vorsitz im Verwaltungsrat übernommen. Und zuletzt rückte er sogar kurzfristig zurück an die Spitze des Unternehmens, nachdem Ulrich Hermann, früher Manager bei Heidelberg Druckmaschinen, das Amt des Vorstandschefs nach nur knapp acht Monaten niederlegte.

Doch Ende Mai verlor Schuh alle Ämter bei e.Go. Für den Professor sei die Zeit gekommen, sich wieder auf seine Arbeit als Hochschulprofessor an der RWTH Aachen zu fokussieren, teilte das Unternehmen mit. Schuh bleibe dem Elektroauto-Hersteller als Gründer und Gesellschafter erhalten. Ob er auch seine bisherigen Firmenanteile in dem Umfang behalten wird oder einen Teil verkauft, ließ das Unternehmen offen.

Im Umfeld von e.Go ist von einem Rausschmiss die Rede

Wer den Professor in den vergangenen Jahren erlebt hat, kann sich die Geschichte vom freiwilligen Abgang zwecks Hochschulkarriere jedoch nur schwer vorstellen. Selbst nach der Insolvenz beteiligte sich Schuh finanziell am Neustart. Seinen Traum schien er noch nicht aufgegeben zu haben. Im Umfeld des Unternehmens ist daher auch zu hören, dass der Abgang alles andere als freiwillig war. Von einem Rausschmiss ist die Rede. Schuh wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern.

Vielleicht passte der umtriebige und äußerst selbstbewusste Professor auch nicht mehr ins Profil des neuen Mehrheitseigentümers ND. Ein Private-Equity-Unternehmen ist üblicherweise nicht am langfristigen Investment interessiert, sondern am kurz- bis mittelfristigen finanziellen Erfolg – worauf auch mögliche Spac-Pläne hindeuten.

Das Unternehmen wird daher gerade für den Kapitalmarkt hübsch gemacht: Dazu müssen einerseits die Kosten sinken, denn Schuh hat mal erzählt, dass man pro Fahrzeug am Anfang nur 200 Euro Gewinn mache. Andererseits muss das Unternehmen sich breiter aufstellen. Mitte Mai gab e.Go bekannt, den Kleinwagen auch in Mexiko mit einem lokalen Partner fertigen zu wollen. Weitere Standorte sind laut Firmenangaben in Planung. In Aachen sank die Zahl der Mitarbeiter unterdessen von September bis heute von 420 auf 350 – ein Vorstandschef ist aktuell nicht darunter.