Vom Duisburger Hafen aus Heute fahren erste Schiffe mit Fernsteuerung auf dem Rhein

Duisburg/Düsseldorf · Nachdem in Belgien bereits führerlose Schiffe unterwegs sind, ist nun Europas wichtigste Wasserstraße dran. Von Duisburg aus sollen heute Lastkähne per Fernsteuerung gelenkt werden. Doch ganz wird noch nicht auf Personal an Bord verzichtet.

Das Kontrollzentrum von Seafar in Antwerpen.   Foto: Seafar

Das Kontrollzentrum von Seafar in Antwerpen. Foto: Seafar

Foto: Seafar

Der Rhein- und der Binnenschifffahrt in Deutschland steht eine Revolution bevor. Am 28. Februar wird am Duisburger Hafen das erste Kontrollzentrum zum digitalen Fernsteuern von Binnenschiffen in Deutschland offiziell eröffnet. Drei bereits ausgerüstete Schiffe sind im Probebetrieb schon unterwegs auf dem Rhein unterhalb von Bonn. Ein Schiff soll auf dem Mittellandkanal fahren. Das ist nur der Anfang. „Wir sehen einen großen Markt speziell in der Rheinschifffahrt“, sagt Marc Holstein, Deutschland-Repräsentant des Antwerpener Start-ups Seafar, das die Technik für die Fernsteuerung der Schiffe entwickelt hat und liefert. Das Duisburger Steuerzentrum wird unter anderem mit HGK Shipping betrieben. Die Tochterfirma des städtischen Logistikunternehmens Häfen und Güterverkehr Köln ist mit 350 Frachtern eines der größten europäischen Binnenschifffahrtsunternehmen.

Bei dem Projekt geht es nicht darum, vollautomatische Geisterschiffe ohne Besatzung auf die Reise zu schicken. Die in Duisburg stationierten Schiffsführer sollen die Frachter nur auf einem Teil der Route steuern und kontrollieren, um auf Dauer den Einsatz von Personal deutlich senken zu können. „Aktuell sind auf jedem Schiff in der Regel zwei Schiffsführer und zwei bis drei weitere Beschäftigte mit auf der Reise, die auch bei Hafenstopps bezahlt werden“, sagt Holstein.

Nach Abschluss der Startphase Ende des Jahres soll dagegen nur noch ein Schiffsführer tatsächlich auf dem Boot sein. Wenn er Pause macht oder Schlafen geht, übernimmt der in Duisburg stizende Kollege. Dieser digital zugeschaltete Kollege – oder natürlich eine Kollegin – kann sich bei Fahrtstopps in Häfen dann um das Steuern anderer Schiffe kümmern nur rumzusitzen. „Das erhöht die Produktivität deutlich“, so Holstein.

Die fernsteuerbaren Schiffe werden mit Technologie vom Feinsten ausgestattet, damit die Duisburger Kollegen die Kontrolle behalten. Rund 20 Kameras nehmen die Umgebung des Schiffes auf, Radarsignale, Lasermessungen und Positionsmeldungen werden so wie die Livebilder in Echtzeit übertragen. Vorne und hinten auf den Schiffen befinden sich Antennen, damit auch bei Brückenunterfahrten der digitale Kontakt bestehen bleibt. Über drei Mobilfunknetze kann die Übertragung laufen, um jedes Funkloch vermeiden zu können. Denn immerhin geht es darum, die Schiffe auch in der Nacht zu steuern.

Ziel ist aber keineswegs nur, Personal einzusparen. HGK Shipping und auch die ebenfalls an dem Projekt beteiligte Reederei Deymann gehen davon aus, dass sie neue Schiffsführer und Kapitäne deutlich leichter finden, wenn diese einen großen Teil ihrer Arbeitszeit an Land verbringen können. „In den nächsten Jahren wird rund ein Drittel der Beschäftigten in den Ruhestand gehen“, sagt unserer Redaktion Steffen Bauer, Chef von HGK Shipping. Es gäbe schon jetzt einen „Mangel bei den Schiffsführern“, der sich noch potenzieren werde.

Es geht um ein für die Wirtschaft wichtiges Geschäft. Die rund 8000 in Europa genutzten Binnenschiffe transportieren einen sehr großen Teil der von der Industrie genutzten Rohstoffe sowie massenhaft Container, mit denen aus Asien und von anderen Kontinenten angelieferte Waren verteilt werden.

Das deutsche Digitalprojekt schließt an Erfahrungen in Belgien an. Im Hinterland von Ostende verkehren bereits zwei Frachter komplett unbemannt, zwischen Lüttich und Antwerpen sind Schiffe mit Fernsteuerung inklusive reduzierter Crew unterwegs. Das Hochlaufen in Deutschland soll nun mit Bedacht geschehen, damit Behörden und andere Beteiligte mitmachen. HGK-Reedereichef Bauer sagte: „Wir wollen die Behörden, Schiffsversicherung und Zertifizierungsgesellschaften nicht überfordern.“

Er hält es für denkbar, in fünf Jahren nur noch auf Fernsteuerung zu setzen, wenn der Staat dies akzeptiert. In ruhigen Gewässern wie Kanälen oder Hafenbecken sei sogar ein autonomer Betrieb möglich – dann würde sich der Kapitän an Land nur noch bei Fehlermeldungen in das Geschehen einmischen.

Wohin die Reise gehen soll, zeigen Pilotprojekte. Vor einem Jahr wurde in Kiel die „MS Wavelab“ getauft, die autonom manövrieren soll. Derzeit wird sie aber noch vom nahen Ufer aus „per Fernsteuerung kontrolliert“, schreibt das „Handelsblatt.“

Als ein Vorreiterprojekt gilt die im Mai 2022 getaufte „Yara Birkeland“ des Düngemittelherstellers Yara. Der elektrisch betriebene Containerfrachter verbindet zwei Häfen in einem Fjörd miteinander. Die zu fahrende Strecke ist aber überschaubar: Es sind nur etwas mehr als zehn Kilometer.

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