Berlin: Drei Minuten pro Blick in die Zukunft

Berlin : Drei Minuten pro Blick in die Zukunft

In Berlin haben sich gestern rund 1000 Wissenschaftler, Unternehmer und Nerds zu einem Digitalkongress getroffen. Ziel der Veranstaltung: Wissenschaft mit der pulsierenden Gründer-Szene Berlins zu verkuppeln.

Fabian Hemmert hebt den linken Arm über seinen Kopf, öffnet die Hand und lässt sein Mobiltelefon mit voller Wucht auf den Boden der Bühne knallen. Manche der Zuschauer im Saal zucken zusammen. Mit dem Fuß kickt Hemmert das Ding scheinbar achtlos zur Seite. Er sagt: "Wir haben häufig fast schon eine innige Beziehung zu unseren Handys. Wir müssen auch mal loslassen können. Wir müssen Mensch bleiben in der digitalen Welt."

Der 33-Jährige entwickelt Smartphones der Zukunft, baut eigene Prototypen. Hemmert will die Supertelefone als unsere ständigen Begleiter lebendiger machen. Manche seiner Modelle lässt er atmen, andere verlagern ihr Gewicht in der Hand, wenn sie zu einem bestimmten Ort navigieren. Der promovierte Ingenieurwissenschaftler arbeitet als Designforscher am Design Research Lab der Universität der Künste in Berlin-Charlottenburg.

Heute hält er auf der anderen Seite der Stadt im "Kosmos", dem ehemaligen Nobel-Kino der DDR an der Karl-Marx-Allee, einen Kurzvortrag. Rund 1000 Wissenschaftler, Unternehmer, junge Gründer, Nerds, Berater und Studenten sitzen im Publikum, eine bunte Mischung aus Anzügen, Kostümen und Kapuzenpullis. Sie sind Besucher des ersten "Digital Science Match" in Berlin, einer Art Speed-Dating für Forscher und Unternehmer.

Hemmert wirft in seiner Präsentation Fragen auf, wie die Computer von morgen aussehen könnten. Er glaubt, dass sie für das Auge weitgehend verschwinden werden, Mensch und Maschine würden immer mehr verschmelzen, so klingt es. Hemmert hofft, dass wir eines Tages unseren "Zombie-Modus" bei der Handynutzung ablegen können. Dann endet er schnell. Ein Roboter hebt am Rand der Bühne ein Schild hoch, auf dem "Danke" steht, Hemmert bekommt Applaus und ein Lebkuchenherz vom Moderator, weil er beim Reden die vorgeschriebenen drei Minuten eingehalten hat. Dann hebt der Roboter seinen anderen Arm mit dem Schild "Nächster".

Wie Hemmert versuchten gestern 100 weitere Wissenschaftler, darunter größtenteils Professoren und manche ihrer Zöglinge von den großen Berliner Hochschulen, im Schnelldurchgang ihre Forschungsarbeit vorzustellen und auf sich aufmerksam zu machen. Sortiert nach Gruppen mit englischen Titeln wie "Digital Infrastructure" oder "Big Data" trugen sie etwa zur Rückkehr zu dezentralen Datenträgern oder zu selbstfahrenden Autos vor. In den Pausen folgte an Stehtischen das große Netzwerken. Visitenkarten wechselten aus einer in die andere Tasche. Doch die meisten Unterhaltungen blieben wohl nur kurz angebunden. Speed-Dating im Namen der Zukunft bei Häppchen und Kaffee. Wie viele künftige Kooperationen zwischen Forschung und Wirtschaft dabei geschlossen wurden, wird unklar bleiben - und ist wohl auch zweitrangig.

Schließlich ging es viel mehr darum, in der Hauptstadt, die große Stücke auf ihre Gründerszene hält, die Strippen im Netzwerk zu straffen. Die "Zeit" und der "Tagesspiegel" hatten die Veranstaltung ins Leben gerufen, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nutzte das Forum für sich.

Zu Anfang seiner Amtszeit hatten Berliner Parteifreunde Müller noch nachgesagt, dass er mit der Wirtschaft in der Metropole fremdele, den Umgang mit Unternehmern gar gescheut habe. Eine Disziplin, die sein Vorgänger Klaus Wowereit (SPD) perfektioniert hatte. Doch im Sommer war Müller auf Inspektionstour durch die Startup-Szene gegangen. Beim "Science Match" sagte Müller gestern, man müsse den Rückenwind für die Wirtschaft nutzen. Immerhin habe seine Stadt schon London beim privaten Wagniskapital für junge Unternehmen überholt. Und den Forschern sagte er, Berlin werde zehn Jahre lang jeweils 100 Millionen Euro in die Ausstattung der Hochschulen stecken.

Eine Aussage, die auch Nachwuchsforscher Fabian Hemmert auf seinem Weg zu einer Professur freuen dürfte. Seine Chefin Gesche Joost, die neben ihrer Lehrstuhlleitung auch Internetbeauftragte der Bundesregierung ist, hielt gestern ebenfalls einen Vortrag. Thema: Wie Pullover und Jacken künftig mitdenken werden. So könnten Schlaganfallpatienten in naher Zukunft etwa eine Strickjacke tragen, die einen Notruf absetzt, wenn man am Bündchen zieht, prognostizierte Joost.

(jd)
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