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Dramatischer Einbruch der deutschen Exporte

Konjunktur in der Corona-Krise : Dramatischer Einbruch der deutschen Exporte

Die Ausfuhr sank im April um 24 Prozent im Vergleich zum Vormonat und sogar um 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ökonomen setzen auf das Ende der Corona-Beschränkungen und den privaten Konsum.

Die deutschen Exporte sind im April so drastisch eingebrochen wie noch nie seit Beginn der Außenhandelsstatistik im Jahr 1950. Sie gingen im Vergleich zum Vormonat drastisch um 24 Prozent zurück. Gegenüber dem Vorjahresmonat ergab sich sogar ein Minus von 31,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Der Außenhandelsverband BGA sprach von „Horrorzahlen“. Vizepräsidentin Ines Kitzing erklärte: „Grenzschließungen, Störungen in der Logistik und Unterbrechungen in den Lieferketten haben tiefe Spuren hinterlassen.“ Der Exporteinbruch sei „an Dramatik kaum zu überbieten“, sagte auch Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK).

Der Export ist neben dem privaten Konsum die entscheidende Stütze der deutschen Konjunktur. Etwa die Hälfte der Wirtschaftsleistung hängt nach wie vor von der Ausfuhr in andere Länder ab. Lahmt der Export, kommt auch die Konjunktur nur schwer in Gang. Im vergangenen Jahrzehnt war es zwar gelungen, die starke Exportabhängigkeit durch einen erheblichen Beschäftigungsaufbau zu reduzieren. Doch leidet in der Corona-Krise auch der private Konsum wegen der Shutdowns, der Kontaktbeschränkungen und der Angst vieler Menschen um ihren Arbeitsplatz. Die deutsche Wirtschaft könnte daher im laufenden Jahr um bis zu zehn Prozent schrumpfen, das wäre der stärkste Einbruch der Nachkriegszeit.

„Der Einbruch der Exporte kommt nicht überraschend. Die Unternehmen haben leider seit Wochen mit den Folgen von Grenzschließungen, Produktionsausfällen und gestörten Lieferketten zu kämpfen“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer unserer Redaktion. „Einen weltweit synchronen Rückgang von Handel und Wirtschaftsleistung haben wir so noch nicht erlebt.“ Wo es möglich sei, würden Grenzen und Geschäfte jetzt wieder geöffnet. „Das stimmt mich hoffnungsvoll, dass die Rückgänge in der zweiten Jahreshälfte nicht mehr ganz so drastisch sind.“ Doch die fehlende globale Nachfrage und der weltweite Investitionsstau sorgten für ein Andauern der Krise. „Der DIHK rechnet in diesem Jahr mit einem Einbruch der Exporte um insgesamt minus 15 Prozent – und das ist noch optimistisch geschätzt“, sagte Schweitzer. Damit es nicht noch schlimmer werde, müssten weltweit Handelshemmnisse wie etwa Exportverbote von Gesundheitsprodukten schnell wieder abgebaut werden. „Die Corona-Krise darf nicht in eine Protektionismusfalle führen. Denn die exportstarke deutsche Wirtschaft ist auf freien Handel und offene Grenzen angewiesen“, warnte Schweitzer.

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Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rechnet mit einem Minus von 15 Prozent bei der Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen im Gesamtjahr. Die Wirtschaftsleistung werde um 6,5 Prozent zurückgehen, so die neue BDI-Prognose. „Die Erholung wird sich bis weit ins Jahr 2022 erstrecken“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang voraus.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher warnte davor, die aktuelle Konjunkturschwäche zu unterschätzen. „Der starke Einbruch der Exporte zeigt die starke Verwundbarkeit der deutschen Volkswirtschaft“, sagte Fratzscher. „Die meisten der neuen Wirtschaftsprognosen sind noch zu optimistisch. Viele realisieren nicht, dass der Neustart der Wirtschaft schmerzvoll und langsam von statten gehen wird“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Die große Offenheit beim globalen Handel ist in Krisenzeiten eine Schwäche für Deutschland“, sagte Fratzscher.

Die Ausfuhren nach China gingen im April vergleichsweise moderat um 12,6 Prozent zurück. In der Volksrepublik war das Covid-19-Virus nicht nur zuerst ausgebrochen, China kehrte auch als erster großer Handelspartner wieder schneller zur Normalität zurück. „Die deutsche Volkswirtschaft hat sich stärker nach China orientiert als andere EU-Länder“, sagte Dekabank-Volkswirt Andreas Scheuerle. Deshalb sei der deutsche Exporteinbruch auch geringer als in Frankreich (minus 48,3 Prozent) oder Italien (minus 40,1 Prozent) gewesen.

Für die nächsten Monate erwarten Ökonomen nach dem Tiefpunkt im April wieder Exportanstiege, da die Corona-Beschränkungen fast überall gelockert wurden. „Die Erholung ist aber noch zu kraftlos, um die krassen Einbrüche schnell wieder aufzuholen“, sagte Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Er rechnet daher für das zweite Quartal mit einem Rückgang des Ausfuhrvolumens von deutlich mehr als 20 Prozent. Immerhin werde der private Konsum helfen, die Konjunktur zu stabilisieren, sagte Scheuerle. „Der private Konsum ist heute mehr als vor zehn Jahren ein Anker in unruhigen Zeiten“, so der Dekabank-Experte.