Kleine Einzelhändler Digitalisierung? Nein, danke!

Düsseldorf · Viele kleinere Händler verweigern sich immer noch dem Internet. Ein Umdenken hat bei ­­Beschaffung und Logistik stattgefunden. Da setzen manche mittlerweile auf den Online-Großhandel.

Foto: dpa/Arno Burgi

Große Teile des deutschen Einzelhandels ignorieren offensichtlich immer noch die wachsenden Anforderungen der Digitalisierung. Das gilt vor allem für manche unabhängige Einzelhändler, oft familiengeführte Unternehmen, die ihr Geschäft mitunter in der x-ten Generation betreiben.

Rund 60 Prozent dieser unabhängigen Händler sehen keinen Bedarf an Digitalisierung oder fühlen sich bei dem Thema überfordert, wie eine aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts IFH (Köln) im Auftrag der digitalen Großhandelsplattform Faire Wholesale ergeben hat. Das Institut hat 213 unabhängige Einzelhändler verschiedener Branchen mit einem maximalen Umsatz von 1,5 Millionen Euro befragt. Weitere Gründe für die digitale Askese: zu wenig Vertrauen in digitale Lösungen und mangelnde Bekanntheit der Möglichkeiten, die es gibt.

Aus Sicht des Mönchengladbacher Handelsexperten Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein ist die ablehnende Haltung mancher Händler ein gravierender Fehler und mit Blick auf die Zukunft womöglich ein unternehmerisches Todesurteil. „Obwohl die derzeitigen Herausforderungen im stationären Einzelhandel gewaltig sind, verweigern immer noch vier von zehn Händlern das Thema Digitalisierung”, sagt Heinemann mit Blick auf die Ergebnisse der Studie. Für ihn gehören sie damit „höchstwahrscheinlich zu den Handelsbetrieben, die den Strukturwandel nicht überleben werden“.

Eine ernüchternde Analyse. Vier von sieben betreiben laut der Studie keinen eigenen Onlineshop, wenngleich ein Teil von ihnen seine Produkte zumindest über Handelsplattformen anbietet. Manches hat sich trotz steigender Online-Affinität auch älterer Kunden in der Pandemie nur wenig geändert in einer Branche, in der vor allem die Modehändler unter den Einschränkungen der Lockdowns gelitten haben und generell viele kleine Händler in den Städten auch nach Aufhebung der Beschränkungen mit großen Pro­blemen kämpfen. Hohe Mieten und schwindende Kundenzahlen sind zwei davon.

Zurück zur Digitalisierung: Die ist der Studie zufolge sehr unterschiedlich ausgeprägt – je nachdem, in welche Sparte man schaut. „Während Einzelhändler rund um Hobby und Freizeit sowie Do-it-yourself-Produkte bereits sehr digital unterwegs sind, herrscht insbesondere in der Lebensmittelbranche noch sehr viel Nachholbedarf“, heißt es in der Untersuchung. Es gebe andererseits auch Händler, die vor allem auf der Beschaffungsseite– also bei Einkauf und Logistik – die Vorteile der Digitalisierung erkannt hätten, sagt Experte Heinemann.

Also in einem Bereich, in dem die Störungen in den globalen Lieferketten sich fast überall ausgewirkt haben. Der Lockdown vergangener Jahre mit den darauffolgenden Zwangsschließungen in der Pandemie hat auch hier manche zum Umdenken veranlasst. Nachdem in der Corona-Krise beispielsweise viele Messen ausgefallen sind und das Internet als Fundstelle für neue Ware auch mal überfordert, haben manche aus der Not eine Tugend gemacht und das Internet für ihre Bestellungen entdeckt: „Der Online-Großhandel wird als Einkaufsort relevanter“, sagt IFH-Geschäftsführer Kai Hudetz. Etwa 19 Prozent informieren sich bei Online-Großhändlern, 68 Prozent haben in der Pandemie mit ihnen gute Erfahrungen gemacht.

Das Ganze lohnt sich vor allem für kleinere Einzelhändler, denen über den Großhandel günstigere Einkaufskonditionen winken, die von digitalen Beschaffungsmöglichkeiten profitieren. Im Handel sind Online-Großhändler als Geschäftspartner mittlerweile für jeden Fünften relevant. Einer von ihnen ist das US-Unternehmen Faire Wholesale, das sich selbst als weltweit ersten Online-Marktplatz bezeichnet, „der ausschließlich unabhängige Einzelhändler und Marken zusammenbringt“. Es zählt nach eigenen Angaben aktuell 80.000 deutsche Handeltreibende zu seinen Kunden. „Die Studienergebnisse spiegeln wider, was wir jeden Tag erleben. Kleine, unabhängige Einzelhändler haben es schwer im traditionellen Großhandelssystem. Kurzfristige Zahlungsziele und große Mindestbestellmengen machen den Beschaffungsprozess für kleine Unternehmen risikoreich“, sagt Faire-Chef Max Rhodes.

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