Berlin: Die späte Reue des Josef Ackermann

Berlin : Die späte Reue des Josef Ackermann

Der frühere Deutsche-Bank-Chef zieht sich aus dem Siemens-Aufsichtsrat zurück. Vorwürfe nach dem Freitod eines Schweizer Managers weist er zurück. Sein Biograf zeichnet das Bild eines Mannes, den die Finanzkrise verändert hat.

Die schlimmste Zeit der Finanzkrise ist vorbei, doch für Josef Ackermann gibt es keine Ruhe. Man merkt ihm das an, die permanente Anspannung, auch an diesem Morgen. Minutenlang muss die herbei geeilte Presse auf den Auftritt des früheren Deutsche-Bank-Chefs warten. Sein langjähriger Kommunikationschef Stefan Baron hat ein Buch über Ackermann mit dem Titel "Späte Reue" geschrieben. Deshalb ist der Schweizer eigentlich hier. Doch das Buch spielt eine Nebenrolle, weil Ackermann über anderes spricht. Erstmals nach seinem Rücktritt als Verwaltungsratschef des Schweizer Versicherungskonzerns Zurich vor zwei Wochen, ganz aktuell über das, was am Vorabend bekannt wurde: Ackermann verlässt den Siemens-Aufsichtsrat.

Die Fälle Zurich und Siemens zeigen ein Bild vom Fall des Josef Ackermann – im doppelten Wortsinn. Der Schweizer, über ein Jahrzehnt mit dem Sieger-Gen ausgestattet, stürzt in der Wahrnehmung mancher Zeitgenossen ab. Allein deshalb ist er 15 Monate nach seinem Abgang bei der Deutschen Bank ein Gesprächsthema wie zu den großen Zeiten als Chef des Geldhauses. Nach dem Selbstmord des Zurich-Managers Pierre Wauthier haben Ackermanns Gegner sein Verhalten als aggressiv beschrieben und in die Nähe des moralisch Fragwürdigen gerückt. Bei Siemens geht er, nachdem er in der Diskussion um den Chefposten einen Machtkampf gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme verloren hat.

In beiden Fällen verliert Ackermann den Nimbus des Großen, ohne den die Deutsche Bank im neuen Jahrtausend kaum denkbar gewesen wäre. Ja, er hat die Bank gewaltig nach vorn gebracht; ja, seine Renditeziele von 25 Prozent waren ungeachtet aller öffentlichen Anfeindungen im Sinne der Eigentümer; ja, er war in der Finanzkrise der wichtigste Berater der Branche für die Bundeskanzlerin. Und ja, die Deutsche Bank hat die Krise ohne staatliche Hilfe überstanden. Aber all das steht für den Ackermann der Jahre vor 2012. Der Ackermann danach trägt einen Teil der Verantwortung für die Posse um die Nachbesetzung des Deutsche-Bank-Chefpostens. Der Ackermann danach ist der Mann, der bei Zurich nach dem Selbstmord eines Managers nicht mehr weitermachen wollte. Und der bei Siemens scheiterte. All das sind die frischeren Erinnerungen.

Über die wahren Gründe seines Rücktritts beim Münchener Elektronikkonzern verliert Ackermann bei der Buch-Präsentation kein Wort. Er beteuert, seine übrigen Ämter zu behalten: Dies sei kein genereller Rückzug, sagt sein Ex-Berater Baron. Der 65-jährige Schweizer bleibe Mitglied zahlreicher Aufsichtsräte, etwa bei der National Bank of Kuwait, der türkischen Akbank und Royal Dutch Shell. Aber es fehlen die großen Namen, deretwegen Ackermann sich noch als mächtiger Akteur an den Schaltzentralen der globalen Wirtschaft verstehen könnte.

Schwerer als der verlorene Siemens-Machtkampf lastet ohnehin der Freitod von Pierre Wauthier auf Ackermann. Der hatte in einem Brief dem damaligen Zurich-Verwaltungsratschef Mitschuld an seinem Selbstmord gegeben. "Dass ich in einem Brief des Verstorbenen verantwortlich oder mitverantwortlich gemacht wurde für seinen Suizid, muss ich mit aller Entschiedenheit zurückweisen", sagt Ackermann jetzt. Die Anschuldigungen seien "in keiner Weise nachvollziehbar". Seine wenigen Gespräche mit Wauthier seien stets sachlich, professionell und fair gewesen. Dies könnten auch Zeugen bestätigen. Er habe aber zu Wauthier gesagt, "dass gewisse Dinge wesentlich besser werden müssen". Er habe den Finanzchef zudem aufgefordert, einen Zurich-Aktionärsbrief zu korrigieren und "ein ehrliches Bild" zu zeigen und nichts schöner zu färben, als es tatsächlich sei, so Ackermann.

Ackermann versucht den Eindruck zu korrigieren, sein Rücktritt sei ein Schuldeingeständnis: "Ich wäre mit Bestimmtheit in meiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt gewesen", sagt er, zumal die Familie Wauthiers weitere Schritte gegen ihn angedroht habe, darunter auch weitere Medienveröffentlichungen. Unter dieser Prämisse war der Rücktritt wohl eine vernünftige Entscheidung, weil er allen Beteiligten eine öffentliche Schlammschlacht erspart hat. Aber die Frage, warum ein hoch bezahlter Manager wie Wauthier, der ja nicht naiv und unbedarft in eine ihm unbekannte raue Wirtschaftswelt stolperte, Selbstmord begeht und seine Verzweiflung auch Ackermann anlastet – die Frage kann niemand mehr beantworten. Dass sie ungeklärt bleibt, lastet auf Ackermann. Wie gesagt, abseits aller Schuld oder Nicht-Schuld.

Das ist persönlich ein tieferer Einschnitt, als es die Finanzkrise je hätte sein können. Und schon die hat Ackermann nach Aussagen seines früheren Chef-Lobbyisten und heutigen Biografen Stefan Baron verändert. Die Krise habe ihm "den moralischen Kompass ins Bewusstsein zurückgerufen, den sein Vater ihm einst mit auf den Weg gegeben hat", schreibt Baron in dem Buch. Ackermann habe selbst die Geister gerufen, die er dann nicht mehr los wurde – indem die von ihm geführte Bank wie andere Banken gefährliche Finanzpapiere erfand und verkaufte. Doch früher als andere habe Ackermann die Gefährlichkeit erkannt und umgesteuert. "Gewiss, Josef Ackermanns Reue kam erst, als der Schaden größtenteils bereits angerichtet war", schreibt Baron. Doch seine Umkehr sei ehrlich gemeint gewesen. Der Manager, resümiert der Buchautor, sei ein typischer Sowohl-Als-Auch-Fall, ein Sünder und Büßer, ein Saulus und Paulus gleichermaßen. Momentan ist er eine tragische Figur.

(mar)
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