"Die Ökostrom-Umlage darf nicht weiter steigen"

"Die Ökostrom-Umlage darf nicht weiter steigen"

Interview Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, stellt angesichts steigener Strompreise Privilegien der erneuerbaren Energien infrage

Der Rückhalt für die Energiewende beginnt zu bröckeln. Warum ist das so?

Homann Die Konsequenzen der Energiewende werden für viele Bürger allmählich konkreter und spürbarer. Die Energie wird teurer, der notwendige Netzausbau rückt näher. Ich glaube aber, die Bürger stehen weiterhin mehrheitlich hinter der Energiewende.

Deutschland benötigt tausende Kilometer neuer Stromleitungen. Wie groß ist der Bedarf an Trassen genau?

Homann Der Netzentwicklungsplan beschäftigt sich nur mit den Höchstspannungsnetzen, die wir insbesondere benötigen, um den Strom aus der Windenergie vom Norden in den Süden zu transportieren. Umgekehrt soll auch Solarstrom vom Süden in den Norden fließen können. Insgesamt brauchen wir nach Einschätzung der Übertragungsnetzbetreiber, bedingt durch die Energiewende, 8200 Kilometer an Höchstspannungsleitungen. Davon müssen 3800 Kilometer neu gebaut werden, den größeren Teil erreichen wir durch Ertüchtigung vorhandener Leitungen und Neubau in bereits bestehenden Trassen. Das Verteilnetz ist dabei noch nicht berücksichtigt. Auch hier gibt es einen erheblichen Aus- und Neubaubedarf. Und nicht zuletzt brauchen wir auch die Seekabel für die Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee.

Wo werden die großen Stromautobahnen entlang laufen?

Homann Das kann Ihnen noch niemand genau sagen. Der Netzentwicklungsplan sieht keinen genauen Verlauf von Stromtrassen vor, sondern nur Anfangs- und Endpunkte von notwendigen Trassen, vor allem in Nord-Süd-Richtung. Die exakten Trassenverläufe ergeben sich erst in den später stattfindenden Verfahren der Bundesfachplanung und der Planfeststellung.

Wie sieht der weitere Zeitplan aus für den Netzausbau?

Homann Aus dem Netzentwicklungsplan wird der Bundesbedarfsplan entwickelt, den das Kabinett voraussichtlich in seiner letzten Sitzung dieses Jahres beschließen wird. Danach folgen das parlamentarische Gesetzgebungsverfahren und die Bundesfachplanung. Für die Leitungen in Landeszuständigkeit erfolgen dann die Raumordnungsverfahren. Das heißt, wir werden deutlich ins nächste Jahr reinkommen, bis konkret wird, wo Leitungen verlaufen sollen.

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Wie viel Geld wird benötigt?

Homann Die Übertragungsnetzbetreiber sprechen von 20 Milliarden Euro für die Höchstspannungsnetze. Ich vermute, das ist eher die Untergrenze. Hinzu kommen Seekabel in der Nord- und Ostsee für die Anbindung der Offshore-Windparks. Das sind weitere zwölf bis 15 Milliarden Euro. Völlig offen ist derzeit noch, welche Summen darüber hinaus auch noch ins Verteilnetz gesteckt werden müssen, wo es im Einzelfall ebenfalls erheblichen Investitionsbedarf gibt, um dezentral erzeugte erneuerbare Energie aufnehmen zu können.

Der Ausbau dauert im Schnitt zehn Jahre. Wie soll es schneller gehen?

Homann Der Gesetzgeber hat im vergangenen Jahr das Netzausbaubeschleunigungs-Gesetz beschlossen. Geregelt ist darin, dass die Bürger schon vom ersten Tag an bei der Planung beteiligt sind. Zudem wird künftig der Bund für die Raumordnungsplanung in Form der Bundesfachplanung zuständig sein und nicht die Länder. Drittens soll der Bund auch die Planfeststellung für die Ländergrenzen überschreitenden Stromleitungen übernehmen.

Wie lässt sich der Strompreisanstieg infolge der Energiewende stoppen?

Homann Irgendwann in nicht zu ferner Zukunft wird der Einspeisevorrang für die erneuerbaren Energien zur Debatte stehen müssen, damit die EEG-Umlage nicht immer weiter steigt. Es wird sich auch die Frage stellen, wie man Anreize so setzt, dass Windräder oder PV-Anlagen nicht mehr beliebig irgendwo aufgestellt werden. Die derzeitige Situation – ein Anrecht auf Netzanbindung und Vergütung des Stroms unabhängig davon, ob er gebraucht wird oder nicht – hat keine Zukunft.

Birgit Marschall stellte die Fragen. Das komplette Interview auf rp-online.de

(mar)
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