Die neue ThyssenKrupp AG

Die neue ThyssenKrupp AG

analyse Die Aufholjagd der Sparte "Technologies" beginnt in China

Nanjing Grundsteinlegungen gehören zu den eher langweiligen Pflichtterminen im Alltag eines Top-Managers. Diese nicht: Gestern hat ThyssenKrupp im ostchinesischen Nanjing das Fundament eines neuen Kurbelwellenwerkes eingeweiht. Das Volumen der Investition ist mit 190 Millionen Dollar (133 Millionen Euro) zwar nicht überwältigend für einen Konzern, der sich soeben noch für zehn Milliarden Euro zwei neue Stahlwerke in Alabama und Brasilien geleistet hat. Trotzdem war es ausgerechnet diese Grundsteinlegung im fernen China, die der neue ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger zum Anlass für seine erste Rede außerhalb des Konzerns genutzt hat. Begleitet vom kompletten Konzernvorstand der ThyssenKrupp AG.

Um diese Symbolik zu verstehen, muss man die internen Interessenskonflikte des Dax-Konzerns kennen. Das neue Kurbelwellenwerk stärkt mit dem Geschäftsbereich "Komponenten" den wichtigsten Umsatzbringer der Konzern-Division "Technologies". In dieser hat ThyssenKrupp alles gebündelt, was nichts mit Stahl zu tun hat. Konzernintern stehen ihre 91 000 Mitarbeiter im Wettbewerb zu den 83 000 Mitarbeitern des Stahlgeschäftes (Division "Materials"): Denn obwohl der Aufsichtsrat der Technologies-Division schon 2006 ein Investitionsvolumen in Höhe von acht bis zehn Milliarden Euro versprochen hatte, bekam Technologies-Chef Olaf Berlien in den vergangenen acht Jahren so gut wie kein Investitionsvorhaben bewilligt. Währenddessen brauchten die "Materialer" statt der veranschlagten fünf Milliarden Euro für die neuen Stahlwerke am Ende fast das Doppelte. Der Konzern ist inzwischen mit 5,8 Milliarden Euro verschuldet.

Auf die Spitze trieb der inzwischen gefeuerte Stahl-Chef Karl-Ulrich Köhler den internen Grabenkampf, als er die Kokerei für Brasilien nicht bei den ThyssenKrupp-Technologen sondern bei der chinesischen Konkurrenz eingekauft hat. Wie unsere Zeitung aus Konzernkreisen erfuhr, war die chinesische Kokerei zwar 70 Millionen Euro billiger als das hausinterne Angebot der ThyssenKrupp-Tochter Uhde. Aber nun entpuppt sich die chinesische Kokerei wegen technischer Probleme als eine der Ursachen für die enormen Anlaufkosten des brasilianischen Stahlwerkes, die das nächste Konzernergebnis mit einem hohen dreistelligen Millionenbetrag belastet. Seit Uhde an den Reparaturen der Kokerei beteiligt ist, soll sich die Situation verbessert haben.

Für Kenner des Konzerns ging es gestern also um mehr als eine Grundsteinlegung in Ostchina. Der neue Konzernchef Hiesinger hat den Anlass für eine demonstrative Solidaritätserklärung mit dem so lange vernachlässigten Nicht-Stahl-Geschäft des Konzerns genutzt. Und dazu gleich den kompletten Konzernvorstand antreten lassen. "Das einzige, was im Leben beständig ist, ist der Wandel", orakelte Hiesinger bei seiner Rede. Um im direkten Anschluss mit Mobilität, Ressourcenknappheit und Klimawandel genau die globalen Trends aufzuzeigen, auf die Technologies ausgerichtet ist. In wenigen Wochen will er die neue Konzernstrategie vorstellen. Die Anzeichen, dass er die Ära der Stahl-Dominanz bei ThyssenKrupp beenden will, verdichten sich.

(RP)
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