Düsseldorf: Die Macht der Rating-Agenturen

Düsseldorf : Die Macht der Rating-Agenturen

Die EU-Kommission schimpft, die Kanzlerin ist vergrätzt: Mit ihren Zweifeln an den Euro-Rettungspaketen verschärfen die Rating-Agenturen die Euro-Krise und unterhöhlen so die Autorität der Politik. Dabei haben die Politiker die Agenturen selbst so mächtig gemacht.

Die Politik will einen neuen Schuldigen für die Euro-Krise ausgemacht haben: Die Rating-Agenturen, die in den vergangenen Monaten der Reihe nach die Kreditwürdigkeit von strauchelnden Euro-Staaten wie Portugal, Griechenland oder Irland infrage gestellt haben. Damit hätten sie – so lautet der Vorwurf – Öl ins Feuer gegossen: Tatsächlich drohen diesen ohnehin schon klammen Staaten ob der Rating-Urteile jetzt noch höhere Zinsen auf ihre Kredite. Deshalb reagierte gestern die EU-Kommission mit harscher Kritik auf die jüngste Herabstufung Portugals durch die US-Rating-Agentur Moody's: Ein Sprecher nannte das Urteil eine "bedauernswerte Episode", die "wieder einmal" die Frage nach der Rolle der Agenturen aufwerfe. Einen Tag zuvor hatten neben der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Politiker quer durch Europa Standard & Poor's (S&P) im Visier: Die zweite große US-Rating-Agentur hatte sich skeptisch zum Griechenland-Hilfspaket geäußert und damit heftige Reaktionen an den Märkten ausgelöst.

Ist die Schelte gerechtfertigt? Treiben die Rating-Agenturen Märkte und Staaten nach Belieben vor sich her und beschwören fahrlässig Panik und Pleiten herauf? S&P-Deutschlandchef Torsten Hinrichs weist den Vorwurf zurück und reklamiert für sich die Rolle eines Verbraucherschützers: Ratings seien "absolut wichtig" für Investoren, nur so sei gewährleistet, "dass die Investoren sich ein breites Bild machen können über die Qualitäten an den Kapitalmärkten und eine Wahl treffen können, in welche Papiere sie investieren wollen."

Die drei großen Rating-Agenturen S&P, Moody's und Fitch haben bei Bonitätsprüfungen einen Weltmarktanteil von über 90 Prozent. Mit ihren Urteilen verfügen sie über erhebliche Macht: Als S&P den ThyssenKrupp-Konzern vor zwei Jahren im Sog der Finanzkrise auf "Ramsch-Status" setzte, stürzte die Aktie extrem ab.

Andere Unternehmen wie die US-Riesen Enron oder Worldcom haben ähnliche Rating-Urteile nicht überlebt. Als Moody's am Dienstagabend die Kreditwürdigkeit Portugals auf "Ramsch" herabstufte, starteten gestern fast alle Börsen Europas im Minus.

Bei so viel Macht ist die Versuchung, mit ihr auch zu manipulieren, offenbar groß. Im Frühjahr drohte S&P etwa mit der Herabstufung amerikanischer Staatspapiere. Das Ziel war offensichtlich, Einfluss auf eine Haushaltsdebatte im Kongress zu nehmen. Mitte Juni äußerten die Bonitätsprüfer Zweifel an einem von Deutschland und Frankreich ausgehandelten Griechenland-Kompromiss – ohne dass dieser da schon beschlossen worden wäre. Italien hatte sein 47-Milliarden-Sparprogramm in der vergangenen Woche nicht einmal veröffentlicht, da legte S&P sich schon quer. Wenige Minuten, nachdem die Rater das Paket als wahrscheinlich unzureichend verurteilten, brachen an den Börsen die italienischen Staatspapiere ein – die bloße Warnung von S&P erhöhte den italienischen Schuldenberg so um einige Hundert Millionen Euro.

Um die Macht der großen Drei zu brechen, will EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier den Markt erweitern. "Ich werde alles dafür tun, damit die Schaffung und Gründung von neuen Ratingagenturen ermöglicht wird", sagte Barnier gestern.

In den USA ist ein Rating von S&P, Moody's oder Fitch gesetzliche Voraussetzung für einen Börsengang. In Deutschland haben die Agenturen zwar keine unmittelbar hoheitliche Funktion, werden aber von den Aufsichtsbehörden regelmäßig zur Grundlage staatlicher Kontrollen gemacht – etwa beim Banken-Stresstest. Um deren Kunden zu schützen, schreibt der Staat institutionellen Anlegern vor, wie sie ihr Geld anzulegen haben. Auch dabei achten die Beamten auf das Rating der Unternehmen, in die etwa Versicherungen investieren. So wurden aus den Agenturen auch in Deutschland Quasi-Behörden. Deshalb wurde die europäische Börsenaufsicht Esma im Januar damit beauftragt, die Ratingagenturen zu kontrollieren.

(RP)
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