Brüssel: Die Folgen einer Griechenland-Pleite

Brüssel : Die Folgen einer Griechenland-Pleite

Nachdem Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler offen über die Insolvenz von Griechenland als Option sprach, steigerte sich gestern erneut die Nervosität der Märkte. Dabei wäre ein Ausscheiden des Staates aus der Euro-Union längst nicht so einfach, wie viele denken. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Krise.

Die Schuldenkrise spitzt sich zu. Griechenland kriegt seine Schulden nicht in den Griff. Die Furcht vor einer Pleite Athens und den Ansteckungsgefahren für andere Staaten ließen gestern den Dax auf neue Tiefstände stürzen. Experten sprechen schon vom "Endspiel" der Eurozone. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Ist Griechenland noch zu retten? Das wird immer fraglicher. Athen hält die Spar- und Reformvorgaben von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) bisher nicht ein. Vollzieht es in den anstehenden Nach-Verhandlungen mit dieser "Troika" keinen Kurswechsel, bekommen die Hellenen die nächste Kredittranche aus dem ersten Hilfspaket von acht Milliarden Euro nicht – und wären Ende Oktober zahlungsunfähig. Griechenland droht unter seiner rund 350 Milliarden Euro Schuldenlast zu ersticken.

Die Bundesregierung arbeitet offenbar an Plänen für eine geordnete Pleite. Was bedeutet das?

Es kommt zu einem Schuldenschnitt: Griechenland würde seine Kredite nur noch zu einem bestimmten Anteil von beispielsweise 50 Prozent bedienen. Bei den Staatspleiten von Russland und Argentinien vor rund zehn Jahren etwa mussten Inhaber von Anleihen der beiden Länder sogar auf etwa 70 bis 80 Prozent ihres investierten Geldes verzichten. Der Vorteil für Athen: Der Schuldenerlass gibt Luft für Reformen und erhöht die Chancen, dass Griechenland seine Wirtschaft wieder ans Laufen bringt, die Staatsfinanzen sanieren kann und langfristig ohne Finanzspritzen überlebensfähig wird.

Welche Risiken gibt es?

Der Schuldenschnitt bedeutet Milliarden-Verluste für Athens Gläubiger, zu denen die Europäische Zentralbank, andere EU-Länder sowie Banken, Versicherungen und Finanzinstitute in ganz Europa zählen. Die EZB müsste die aufgekauften Staatsanleihen als Verlust verbuchen, die EU-Regierungen müssten auf Milliarden-Rückzahlungen für die Hilfskredite verzichten. Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben, müssten ihre Papiere abschreiben. Mögliche Folge: eine neue Bankenkrise und Ansteckungseffekte auf andere Wackel-Kandidaten wie Italien, Spanien und Portugal.

Wie will man gegensteuern?

Offenbar hoffen die Regierungen der Euro-Länder, Ansteckungseffekte und Bankencrashs mit dem aufgerüsteten Rettungsschirm EFSF abwenden zu können. Denn der darf neuerdings vorbeugende Kreditlinien an gefährdete Staaten vergeben, die im Visier der Märkte stehen, und Staaten Geld zur Rettung ihrer Banken geben. Viele Experten glauben jedoch, dass der Schirm dazu erneut aufgestockt werden müsste. Die effektive Ausleihsumme wurde gerade erst auf 440 Milliarden Euro erhöht.

Was ist, wenn die Gläubiger beim Verzicht nicht mitmachen?

Genau da liegt das Problem: bisher gibt es in der Euro-Zone keine verpflichtenden Regeln für eine geordnete Staatsinsolvenz. Diese werden erst mit dem permanenten Rettungsfonds ESM ab 2013 eingeführt. Die Gläubiger müssten also freiwillig mitmachen – aus Angst vor unkontrollierter Pleite. Das ist nach dem zähen Ringen um die Gläubigerbeteiligung beim zweiten Rettungspaket für Hellas nicht sehr wahrscheinlich. Da ging es um gerade mal 20 Prozent Verlust.

Was passiert bei einer unkontrollierten Pleite?

Athens Gläubiger müssten auf ihre gesamten Forderungen verzichten. In dem Fall fürchten Experten Schockwellen für das Finanzsystem wie nach der Pleite der US-Bank Lehmann Brothers vor drei Jahren. Eine Kettenreaktion drohte: Erst fielen Banken, dann Staaten. Es käme zu spekulativen Attacken auf andere hochverschuldete Euro-Länder wie Portugal, Spanien Irland und Italien - bis auch diese zusammenbrechen.

Welche Folgen hätte ein Euro-Austritt Griechenlands?

Formal ist er sowieso nicht möglich. Befürworter argumentieren aber, Griechenland könnte bei der Rückkehr zur Drachme seine Währung kräftig abwerten und so durch die Verbilligung seiner Exporte wieder wettbewerbsfähig werden. Das Problem: Es fehlt Griechenland an Exportschlagern. Viel schwerwiegender wäre, dass die in Euro aufgenommenen Altschulden wegen der Abwertung drastisch steigen würden. Fazit: Dies wäre Selbstmord für Athen. Analysten der Schweizer Bank UBS rechnen mit 10 000 Euro Kosten je Einwohner für die Wieder-Einführung der Drachme. Selbst wenn vor dem Austritt Athens ein Schuldenerlass stünde, wäre es fraglich, ob Griechenland so wieder auf die Beine kommen kann. "Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre", so Experte Lothar Heßler vom Düsseldorfer Bankhaus HSBC Trinkaus. Es gäbe also kein neues Geld.

Internet Wie Athen Geld verschleuderte: www.rp-online.de/wirtschaft

(RP)