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Düsseeldorf: Die D-Mark ist noch immer da

Düsseeldorf : Die D-Mark ist noch immer da

Weltweit gibt es noch mehr als 13 Milliaden Mark. Zu jenen, die noch Altbestände haben, gibt es skurrile Geschichten.

Die Bankbeamten staunten nicht schlecht, als der Mann mit der Regentonne die Filiale der Bundesbank betrat. Die Tonne war randvoll mit DM-Münzen. Er habe in der Vergangenheit auf dem Weg zum Markt immer seine Geldbörse entleert, erzählte der Landwirt den verdutzten Beamten. Die volle Geldbörse habe ihn jedes Mal gestört. Die Münzen habe er immer in die Regentonne geworfen. Dann kam der Euro.

Bei der Bundesbank haben sich inzwischen unzählige solcher Geschichten angesammelt. Auch zwölf Jahre nach der Bargeldumstellung gibt es immer noch DM-Bestände in Milliardenhöhe, die im Umlauf sind. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden im vergangenen Jahr Münzen und Scheine im Gegenwert von 19 Millionen DM umgetauscht. 34 000 Kunden besuchten die sieben Filialen in Nordrhein-Westfalen, um das alte Geld umzutauschen – zwischen 130 und 140 sind es laut Bundesbank im Schnitt pro Tag. Vorerst dürfte der Zulauf nicht abebben: Weltweit sind noch 13,03 Milliarden Deutsche Mark in Scheinen und Münzen im Umlauf. Statistisch gesehen hat jeder Bundesbürger damit noch zwei Banknoten und knapp 300 Münzen im Gesamtwert von rund 170 DM zu Hause liegen.

Die Leute kämen meist auch nur mit solch kleineren Beträgen, heißt es bei der Bundesbank. Oft würden sie noch alte Münzen in Sparschweinen, alten Reisetaschen oder beim Aufräumen finden. Oder es tauchen Scheine auf, die noch in alten Glückwunschkarten zum Geburtstag oder der Hochzeit steckten. "Viele Leute haben damals auch bewusst DM aufbewahrt, um sie irgendwann ihren Enkelkindern zu zeigen", sagt ein Bundesbank-Sprecher. Oft seien dabei sogar ganze Sätze vom Fünf- bis zum Tausend-Mark-Schein gesammelt worden.

Die Besitzer gehen mit dem Horten der Altbestände kein Risiko ein. Anders als Banknoten der frühren DDR verliert die Deutsche Mark der Bundesrepublik niemals ihre Gültigkeit. Auch in Jahrzehnten könne man noch kostenlos bei der Bundesbank tauschen, heißt es. Die Regel ist dies in Europa indes nicht. Wer noch aus dem Italien-Urlaub alte Lira zuhause findet, hat ebenso Pech gehabt wie derjenige, der französische Franc oder griechische Drachmen umtauschen möchte. Spanische Pesos können noch bis 2020 umgetauscht werden, österreichische Schilling sind ebenso wie die Deutsche Mark unbefristet lang tauschbar.

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Immer häufiger tauchen größere Geldbeträge auf, weil alte DM-Bestände etwa im Nachlass von Verstorbenen existieren. Auch hierzu hat die Bundesbank eine Vielzahl von Geschichten gesammelt, wie etwa die von der Tochter, die im Haus ihrer verstorbenen Mutter beim Abnehmen der Vorhänge stutzte. Irgendwie fühlte sich eine der Stoffbahnen anders an. Beim genaueren Hinsehen stellte sich anschließend heraus, dass in den Vorhang von oben bis unten 1000 DM-Scheine eingenäht waren. Bei einem anderen älteren Ehepaar wunderten sich die Hinterbliebenen, dass der Medizinschrank mit Tabletten-Röhrchen vollgestopft war. Beim Öffnen der Packungen stieß der Enkel auf gerollte Banknoten, die von den Großeltern sorgfältig verpackt und aufgereiht im Arzneischrank aufbewahrt worden waren.

Oft erstaunt, mit welcher Kreativität beim Verstecken des eigenen Ersparten zu Werke gegangen worden ist: in Plastik verpackte 100- Mark-Scheine in Blumentöpfen, im Aschenkasten eines gusseisernen Ofens oder dem Koffer auf dem Dachboden gelagerte Geldbündel oder sogar der unter dem Reserverad im Auto gelagerte Notgroschen – der Fantasie schienen keine Grenzen gesetzt.

Die Exotik der Verstecke ist auch einer der Gründe, warum sich bei der Bundesbank niemand der Illusion hingibt, dass tatsächlich auch alle alten Markstücke, Pfennige, Groschen und Scheine wieder auftauchen. Ein weiterer ist, dass ein Großteil der DM-Bestände von Touristen nach der Rückreise in ihr Heimatland nicht zurückgetauscht wurde – und damit immer noch irgendwo im Ausland lagert. Es gebe immer noch viele Anfragen aus Belgien oder den Niederlanden, heißt es bei der Bundesbank. Sie verweise an die Hauptverwaltung Mainz, wo alte DM-Bestände auch aus dem Ausland postalisch in Empfang genommen werden.

Das ist bei den Bundesbanken in Nordrhein-Westfalen nicht möglich. An den sieben Standorten in Düsseldorf, Bochum, Essen, Köln, Dortmund, Hagen und Bielefeld können die alten Münzen und Scheine nur persönlich abgegeben werden. Werktags haben die Banken jeweils von 8.15 bis 13 Uhr für den Umtausch geöffnet.

Wer seine DM-Bestände lieber am Wochenende loswerden möchte, muss in eine Filiale des Textilgeschäfts C&A gehen. Seit 2003 wird die alte Währung auch hier wieder akzeptiert. Deutschlandweit werden nach Unternehmensangaben noch immer zwischen 100 000 und 150 000 DM umgesetzt. "Viele Menschen wissen gar nicht, wo die nächste Bundesbank-Filiale ist", sagt ein Sprecher. Stattdessen kaufen sie sich von ihrem alten Geld dann eine Hose oder einen Pullover. Für C&A ist dies ein Werbegag mit großer Wirkung, aber relativ wenig Aufwand. Der feste Wechselkurs von einem Euro für 1,95583 DM sei im Kassensystem hinterlegt, Münzen und Scheine würden nach dem Kauf anschließend vom Geldtransportunternehmen abgeholt und eingelöst, erklärt der Textilhändler.

So verschwinden nach und nach immer mehr DM aus dem Zahlungsverkehr. Denn die Bundesbank hebt die alte Währung natürlich nicht auf. Nach der Prüfung werden die Banknoten geschreddert und teilweise zu handlichen Briketts gepresst. Ein Teil der Scheine löst sich danach in Luft auf – es wird beispielsweise in der Zementindustrie als Brennstoff eingesetzt. Aus dem anderen Teil wird anderes Papier hergestellt. Ein ähnliches Schicksal ist auch den Münzen vorherbestimmt: Sie werden eingeschmolzen und anschließend als Rohstoff wieder verkauft.

(RP)