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Düsseldorf: Die Angst der Stromnetz-Betreiber vor dem Blackout

Düsseldorf : Die Angst der Stromnetz-Betreiber vor dem Blackout

Wegen des starken Windes erzeugen Windräder viel Strom. Aus Sicherheitsgründen zapfen die Netzbetreiber die Kaltreserve an.

Um zu verhindern, dass es in Deutschland in den nächsten Tagen zu Stromausfällen kommt, zapfen die Netzbetreiber erstmals ihre Kaltreserve an. Dies sei vorsorglich geschehen, erklärte der Betreiber Tennet, der einst das Übertragungsnetz von Eon gekauft hat. Die Kaltreserve besteht aus älteren Kohle-, Gas- und Ölkraftwerken in Deutschland und Österreich, die eigentlich außer Betrieb genommen wurden, im Notfall aber wieder angefahren werden.

Als Kaltreserve steht eine Gesamtleistung von 2500 Megawatt zur Verfügung. Zum Vergleich: An kalten Wintertagen braucht Deutschland tagsüber 70 000 Megawatt. Im vergangenen Winter musste die Kaltreserve zweimal abgerufen werden, um großflächige Stromausfälle zu verhindern.

Der Winter 2012/2013 verlief bisher entspannt. Nun aber sehen sich die Netzbetreiber gezwungen, die Kaltreserve zu nutzen. Und zwar nicht, weil zu wenig Strom da ist, sondern zu viel. Für die nächsten Tage werde eine starke Windfront erwartet, erklärte die Tennet-Sprecherin. Entsprechend viel Strom erzeugen die Windräder. In der Spitze werde in den nächsten Tagen eine Windstromleistung erwartet, die der von fast 20 Atommeilern entspreche. Und wenn an einigen Stellen massiv Wind ins Netz drückt, muss es mit Hilfe der Kaltreserve an anderer Stelle gestärkt werden. So wollen die Betreiber verhindern, dass es starke Unterschiede gibt, die zu Blackouts führen können.

Die Netzbetreiber sind zuversichtlich, dass dies gelingt. "Panikmache ist fehl am Platz", hatte Boris Schucht erst jüngst beteuert. Er ist Chef von 50 Hertz, dem Betreiber von 9700 Kilometer Strom-Autobahnen in Ostdeutschland. Derzeit sei alles im sicheren Bereich. Die Netzbetreiber hätten aus dem vergangenen Winter gelernt und würden sich abstimmen.

Die Kaltreserve ist keine Freude für das Klima. Da die Kraftwerke alt sind, arbeiten sie oft wenig effizient und emittieren viel Kohlendioxid. Die Eigentümer erhalten für die Bereithaltung ihrer "alten Möhrchen" Vergütungen. Die Kosten dafür werden dann über die Netzentgelte auf die Strompreise und damit auf Verbraucher und Unternehmen abgewälzt.

Tennet und 50 Hertz sind zwei der vier Netzgesellschaften, die Deutschland unter sich aufgeteilt haben. Die anderen beiden sind Amprion (früher RWE) und EnBW. Amprion betreibt die Netze im Rheinland. Die Gesellschaften müssen seit dem Abschalten von acht deutschen Atomkraftwerken immer häufiger eingreifen, um die Stabilität des Netzes sicherzustellen.

Tennet schaltete jetzt zur Stabilisierung des Stromnetzes das Gaskraftwerk Staudinger (Hessen) sowie drei weitere Kraftwerke in Österreich zu. Frühere Pläne von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, auch einen Atommeiler als Kalt-reserve zu nutzen, hatte die Bundesregierung rasch verworfen.

(anh/dpa)