Mehr als drei Prozent Wachstum: Deutschlands Einzelhandel frohlockt

Mehr als drei Prozent Wachstum : Deutschlands Einzelhandel frohlockt

Die Branche schafft das zehnte Wachstumsjahr in Folge, und sie legt auch preisbereinigt deutlich zu. Den größten Sprung melden der Online- und der Versandhandel. Aber an manchen Unternehmen geht der Aufschwung vorbei.

Der Einzelhandel hat in den vergangenen Monaten einige negative Schlagzeilen geliefert: den schwierigen Prozess um den Verkauf der SB-Warenhauskette Real, die prekäre Lage bei Galeria Kaufhof, die fortwährenden Klagen mancher, vor allem kleiner Unternehmer über die Probleme im stationären Geschäft, dem der Online-Handel mit stetigem Wachstum das Wasser abzugraben droht. Doch die Gesamtschau auf das Jahr 2019 fällt positiv aus, auch in den Ladenlokalen. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes ist der Umsatz im abgelaufenen Jahr um 3,4 Prozent gestiegen. Das würde bedeuten, dass auch preisbereinigt (plus 2,9 Prozent) deutlich mehr Geld in der Kasse geblieben ist.

Träfe die Schätzung zu, wäre die Branche sogar noch über dem im November vorausgesagten Wachstum geblieben. Damals hatte der Branchenverband HDE ein Plus von nominal 3,2 Prozent vorausgesagt und damit die alte Prognose (2,0 Prozent Wachstum), die zu dem Zeitpunkt gerade mal zwei Monate alt war, deutlich nach oben geschraubt. Begründung: Die bis dahin erwartete Eintrübung der Konjunktur durch die internationalen Handelskonflikte mit Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Einkommen in Deutschland war einfach ausgeblieben.

Mit anderen Worten: Dem Kunden im Einzelhandel schienen Donald Trump, der Brexit und China schnuppe zu sein. Die einfache Rechnung: Wer drei Prozent mehr verdient, aber nur 1,4 Prozent (Inflationsrate) mehr fürs tägliche Leben ausgeben muss, hat mehr Geld fürs Konsumieren in der Tasche. Und tut das umso lieber, je näher womöglich Strafzinsen auf höhere Spareinlagen rücken.

Die Branche frohlockt also. Der Handel verzeichnet sein zehntes Wachstumsjahr in Folge, und das Ergebnis ist auch deshalb bemerkenswert, weil eben nicht nur der Online- und der Versandhandel als die üblichen Treiber zugelegt haben, sondern auch das Geschäft in den Ladenlokalen offenbar besser gelaufen ist als gedacht. Das hat sich bereits im November abgezeichnet; seinerzeit veranschlagte der HDE das Plus im stationären Handel auf 2,7 Prozent. Für das Online-Geschäft lautete die Voraussage etwa 8,5 Prozent Plus.

Natürlich sind die nackten Zahlen nur ein Teil der Wahrheit. Ein anderer besteht darin, dass die positive Entwicklung an Teilen der Branche immer noch vorbeigeht – an jenen nämlich, die sich wie bisher auf den Verkauf über die Ladentheke beschränken wollen, weil ihnen ein eigener Online-Auftritt zu teuer ist, und die sich auch die Möglichkeit entgehen lassen, ihre Waren über Handelsplattformen an den Kunden zu bringen.

 Dabei sollte eigentlich jedem klar sein, dass es für viele Unternehmen ohne das Netz als Vertriebsschiene kaum eine Zukunft gibt. „Wer heutzutage nicht im Internet vertreten ist, der existiert für viele Kunden gar nicht mehr“, hat HDE-Hauptgeschäftsführer Stephan Genth im September unmissverständlich gesagt und jenen, die sich aus Kostengründen keinen eigenen Web-Auftritt gönnen wollten, die Nutzung der Plattformen dringend ans Herz gelegt, damit sie ihre Waren auch außerhalb des eigenen Ladenlokals absetzen könnten.

Und wie geht es weiter? Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind noch keine spürbaren Verwerfungen zu erkennen, auch die Löhne und Gehälter dürften in diesem Jahr weiter steigen. Was die Konsumfreude dagegen trüben könnte, ist natürlich der Konflikt in Nahost. Denn der droht über teureres Rohöl die Ausgaben fürs Tanken und Heizen deutlich zu erhöhen.