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Deutsche Bahn: Experte befürchtet Streiks über Jahre

Tarifstreit : Experte befürchtet Bahn-Streiks über Jahre

Die GDL will in der kommenden Woche über neue Arbeitskämpfe entscheiden. Doch selbst wenn sie sich in künftigen Gesprächen doch noch mit dem Bahn-Management auf einen Branchentarifvertrag einigt, könnte der Streit weitergehen - bei den Privatbahnen.

Nach dem Scheitern der Gespräche zwischen der Bahn und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) stehen die Zeichen auf Streik. Am Mittwoch will die GDL über Arbeitskämpfe entscheiden. Eigentlich wollten beide Seiten zuletzt über einen neuen Branchentarifvertrag verhandeln, der auch für Zugbegleiter, Bordgastronomen und Disponenten gelten sollte. Bislang hat die GDL ein solches Tarifwerk nur für die Lokführer: den Bundes-Rahmen-Lokomotivführertarifvertrag. Doch die Bahn wird von der Sorge getrieben, dass sie konkurrierende Tarifverträge für dieselbe Berufsgruppe bekommt. Schließlich verhandelt sie zeitgleich mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) über dieselben Berufsfelder. In den Gesprächen am Mittwochabend - so schilderte es zumindest die GDL - habe die Bahn versucht, in dem neuen Tarifvertrag Regelungen zu verankern, die sich an dem orientieren, was EVG-Mitglieder bekommen sollen. Die GDL lehnte ab und ließ die Gespräche platzen.

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Doch selbst wenn beide Seiten sich auf einen Branchentarifvertrag geeinigt hätten, wäre das kein Grund für eine Entwarnung. "Sollte die GDL mit der Bahn einen Branchentarifvertrag für alle gewünschten Berufsgruppen hinbekommen, wird sie versuchen, diesen auch bei den Privatbahnen durchzupauken", sagt der Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft, Hagen Lesch. "Die Tarifauseinandersetzung mit den monatelangen Streiks, die es damals bei der Durchsetzung des Bundes-Rahmen-Lokomotivführertarifvertrags gab, könnte sich wiederholen." Für die Kunden der Privatbahnen wäre das ein neuer arbeitskampfreicher Großkonflikt, der sich sogar über mehrere Jahre hinziehen könnte, so Lesch.

Bis es überhaupt so weit ist, müsste aber zunächst wieder verhandelt oder - noch besser - der Konkurrenzkampf zwischen GDL und EVG beseitigt werden. "Um künftig solch festgefahrene Konflikte zu verhindern, müsste die Bahn eindeutig klären, wer für welche Berufsgruppe verhandelt, oder aber eine Kooperation der beiden Gewerkschaften erreichen", sagt IW-Experte Lesch. "Danach sieht es im Moment aber nicht aus. Am Ende könnte es deshalb durchaus zu der von der Bahn unerwünschten Situation kommen, dass sie unterschiedliche Tarifverträge für dieselbe Berufsgruppe akzeptieren muss."

Dagegen wehrt sich der Konzern jedoch vehement. Dabei gibt es Branchen, in denen verschiedene Verträge nebeneinander existieren - etwa bei den Krankenhäusern. Dort verhandeln sowohl Verdi als auch der Marburger Bund für die Ärzte. Das Thema unterschiedliche Tarifverträge für ein- und dieselbe Beschäftigtengruppe werde dort heute nicht mehr diskutiert, sagt Susann Breßlein, stellvertretende Vorsitzende des Interessenverbands Kommunaler Krankenhäuser. Das liege daran, dass im Vergleich zu Verdi mehr Ärzte im Marburger Bund organisiert seien. "Entscheidend dafür, welcher Tarifvertrag angewendet wird, ist der jeweils geschlossene Arbeitsvertrag zwischen Krankenhaus und Arzt. Typischerweise wenden kommunale Krankenhäuser den ,Tarifvertrag Ärzte' an, der mit dem Marburger Bund verhandelt wurde." Wenn sich bei Verdi organisierte Ärzte meldeten und unter deren Tarifvertrag fallen wollten, sei das theoretisch möglich, komme aber praktisch nicht vor, so Breßlein.

Angesichts solcher Erfahrungen dürfte es für die Bahn auf Dauer schwierig werden, sich gegen unterschiedliche Tarifverträge für dieselbe Berufsgruppe zu wehren.

(maxi)