Düsseldorf: Der mächtige Rating-Chef

Düsseldorf : Der mächtige Rating-Chef

Die Finanzmärkte reagierten gelassen auf die Herabstufung Frankreichs. Doch der Arm von Moritz Kraemer, Europa-Chef von Standard & Poor's, reicht weit. Die Rating-Agentur ist keynesianisch geprägt: Sie lehnt Sparprogramme ab und will, dass die Europäische Zentralbank den Euro rettet.

Die Finanzmärkte reagierten gelassen auf die Herabstufung Frankreichs. Doch der Arm von Moritz Kraemer, Europa-Chef von Standard & Poor's, reicht weit. Die Rating-Agentur ist keynesianisch geprägt: Sie lehnt Sparprogramme ab und will, dass die Europäische Zentralbank den Euro rettet.

Wenn Moritz Kraemer spricht, bangen Spitzenpolitiker von Helsinki bis Athen. Denn der 53-Jährige ist Europa-Chef von Standard & Poor's (S&P), der größten Rating-Agentur der Welt. Im Dezember verdarb Kraemer den Regierungschefs den Rettungsgipfel, als er schlechtere Noten für 15 Euro-Staaten androhte. Am Freitag machte er ernst und ließ neun Länder herabstufen, auch Frankreich verlor die Bestnote "AAA".

Die Finanzmärkte reagierten gestern gelassen: Frankreich gelang es ohne Probleme, Anleihen über acht Milliarden Euro zu platzieren, ohne mehr Zinsen als in der Woche zuvor zahlen zu müssen. Die Investoren hatten die Rating-Senkung offenbar schon eingepreist. Daraufhin legte auch der Dax kräftig zu. Nach Börsenschluss gab S&P dann bekannt, dass man nun auch dem Euro-Rettungsschirm EFSF die Bestnote streicht und seine Kreditwürdigkeit nur noch mit der zweitbesten Note "AA+" bewertet. Damit wird es für den EFSF teurer, Geld am Markt aufzunehmen, das er an Krisenstaaten weiter verleiht.

Moritz Kraemer wird diesen Schritt heute als bedauerlich, aber unumgänglich verteidigen. Der Mann, der in der Schweiz geboren wurde, in Frankfurt aufwuchs und in Göttingen Ökonomie studierte, scheut TV-Kameras nicht, um umstrittene Urteile von Standard & Poor's zu erläutern. Kraemer, der seit zehn Jahren bei dem Branchenriesen arbeitet, fällt die Urteile nicht allein, er hat aber in dem Beschluss-Gremium entscheidenden Einfluss. Gestern verwahrte er sich im "Deutschlandfunk" gegen den Vorwurf, S&P sei generell gegen die Eurozone und verfolge anglo-amerikanische Interessen, wie deutsche Europapolitiker unterstellt hatten. Kraemer verwies darauf, dass S&P im Sommer auch die USA heruntergestuft hatten. "Wir erfüllen nur unsere Aufgabe." Die bestehe im Analysieren von Risiken, und das täten die Rating-Agenturen unparteiisch. Unparteiisch gewiss, aber auch die Bewertungen von Kraemer und Kollegen orientieren sich an ökonomischen Zielvorstellungen. Und die sind ganz andere, als sie etwa Bundesbanker haben.

"Die Rating-Agenturen stehen in angelsächsischer Tradition", sagt Holger Sandte, Chefvolkswirt der WestLB Mellon. Wachstum sei für sie entscheidend. Sie seien zwar dafür, dass Länder sparen, um Ineffizienzen wie in Griechenland zu beseitigen. Aber einen scharfen Sparkurs, der vorübergehend zu einer Rezession führt, lehnen sie ab. Das erklärt etwa, warum die Agenturen die Reformbemühungen von Spanien und Italien nicht würdigen.

Auch von der Rettung des Euro haben die Rating-Agenturen eine keynesianisch geprägte Vorstellung: Der Staat kann es richten, Geld- und Fiskalpolitik sollen wie in den USA zusammenspielen. Die Notenbank soll durchaus die Notenpresse anwerfen, um die Anleihen von Krisenstaaten aufzukaufen und so deren Wachstum anzukurbeln. Dass der Preis dafür eine höhere Inflation ist, stört sie nicht. S&P benotet etwa die Kreditwürdigkeit Großbritanniens noch immer mit der Top-Note "AAA", obwohl das Land eine beachtliche Inflationsrate von fünf Prozent hat. "Dass unabhängige Notenbanken wichtig sind, steht bei Rating-Agenturen oft nur auf dem Papier", sagt Sandte.

Schon bald könnte die Strategie der Rating-Agenturen aufgehen: Wenn es für den Rettungsschirm teurer wird, Geld am Markt aufzunehmen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder erhöht Deutschland seinen Beitrag zum EFSF. Oder dieser kann Krisenstaaten weniger helfen als geplant. Dann muss die Europäische Zentralbank einspringen und den Ankauf von Staatsanleihen kräftig ausweiten. Moritz Kraemer hätte sein Ziel erreicht.

(RP)
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