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Viersen: Der letzte Kaiser's

Viersen : Der letzte Kaiser's

Die Supermarkt-Kette, die an Edeka verkauft werden soll, war mal Marktführer. Sie entstand aus einem kleinen Kolonialwarenladen in Viersen, der über Jahrzehnte rasch wuchs. Heute ist der Marktanteil verschwindend gering.

Wer sich ein bisschen mit der deutschen Handelsgeschichte beschäftigt, der stößt unweigerlich auf Unternehmen, die einst ganz Große ihrer Branche waren, dann aber untergingen, am Abgrund stehen oder zumindest tief in der Krise stecken. Karstadt, Quelle und Neckermann aus dem Arcandor-Konzern sind solche Beispiele, Schlecker ist ein anderes, Praktiker ein weiteres. Und, und, und.

In die Riege der einstmals Großen gehört auch Kaiser's Tengelmann. Kaiser's Kaffee, werden manche älteren Zeitgenossen sagen, die sich an ein alteingesessenes Viersener Unternehmen erinnern, dessen Vorläufer 1880 als Kolonialwarenladen startete und das in den Jahrzehnten danach rasch zu einem bedeutenden Einzelhändler wurde. "Wir waren mal Marktführer im Lebensmittel-Einzelhandel", sagt der Korschenbroicher Willy Schellen, von 1992 bis 2000 Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor bei Kaiser's Tengelmann. So heißt das Unternehmen seit Beginn der 70er Jahre, nachdem die Tengelmann-Gruppe Kaiser's übernommen hat.

Jetzt will Tengelmann seine Supermärkte abgeben. Und Kaiser's, das wegen des Sparkurses bei der Mülheimer Muttergesellschaft seinen Firmensitz Anfang 2010 schon von Viersen an die Ruhr verlegen musste, bekommt Edeka als neuen Eigentümer. Ob das Kartellamt mitmacht, ist noch offen. Möglicherweise sind die Wettbewerbshüter, die mit Argusaugen auf den Konzentrationsprozess im Handel schauen, schon milder gestimmt, weil Kaiser's seit Frühjahr 24 Filialen in der Region geschlossen hat. Drei weitere Häuser, die damals ebenfalls auf einer Schließungsliste standen (Mülheim-Styrum, Düsseldorf-Bilk und Köln-Chorweiler) sind weiter geöffnet. Was aus ihnen wird, entscheidet der künftige Eigentümer.

Der Riese Kaiser's ist gewaltig geschrumpft. Seit 15 Jahren verdient das Unternehmen kein Geld mehr - "zu dem Zeitpunkt hat die Familie Haub wohl beschlossen, sich langsam aus dem Lebensmittel-Einzelhandel zu verabschieden", heißt es im Umfeld des Unternehmens. Und: "Wenn ein Händler den Glauben daran verliert, dass man Geld verdienen kann, hat er schon verloren." Offenbar haben die Haubs, die Tengelmann-Eigentümer, den Glauben irgendwann verloren.

"Es ist bedrückend, dass so ein Traditionsunternehmen aufgeben muss", sagt Willy Schellen, der fast ein halbes Jahrhundert für Kaiser's gearbeitet hat. 1960, als er seine Ausbildung begann, war die Gruppe noch im Wiederaufbau nach dem Krieg. Das ging bis in die 90er Jahre so, Mauerfall und Wiedervereinigung eröffneten neue Märkte. Doch Ende der 90er Jahre bescherte der Preiskampf im Einzelhandel Tengelmann Verluste. Mittlerweile machten die Discounter und die SB-Warenhäuser den Vollsortimentern das Leben schwer. Schon damals wollte Tengelmann die Kaiser's-Märkte an Edeka verkaufen, doch seinerzeit blockierte das Bundeskartellamt den Deal. Seither hat Kaiser's nicht mehr nennenswert Geld verdient, heute steckt es in den roten Zahlen. "Vielleicht hat es am Gespür für Ware und Geschäft gefehlt", mutmaßt ein Kaiser's-Insider.

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Für Viersen hat der Abschied von Kaiser's schon vor vier Jahren begonnen. Geblieben ist noch eine Handvoll Kaiser's-Filialen. Die einstige Fabrikantenvilla wurde an die Stadt verkauft, das Stammhaus im Viersener Ortsteil Hoser steht noch, aber der Firmen-Schriftzug ist längst verschwunden - das letzte Symbol einer ruhmreichen Zeit, die im 19. Jahrhundert mit dem Verkauf von Kaffeebohnen begann, in der das Produkt-Portfolio bald auch Tee, Gebäck und andere Süßigkeiten umfasste und in der das Unternehmen stetig wuchs. 1939 betrieb Kaiser's schon fast 2000 Filialen, ehe der Zweite Weltkrieg fast 40 Prozent davon vernichtete.

Damals lebte die Gruppe indes weiter - jetzt bahnt sich das langsame Sterben einer niederrheinischen Traditionsmarke an. Dass Edeka die Marke Kaiser's auf Dauer beibehält, daran mögen Branchenkenner nämlich nicht glauben.

(RP)