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Düsseldorf: Das war's

Düsseldorf : Das war's

Am letzten Tag des Flugbetriebs bei der insolventen Air Berlin entlädt sich noch einmal der Frust der Beschäftigten. Sie bemängeln insbesondere die schlechten Bedingungen bei Eurowings.

"Letzte Chance", ruft die Flugbegleiterin. Ihre Kollegin lacht ein wenig gezwungen, und beide schieben den Wagen mit Dosenbier und Süßigkeiten weiter. Hier und da ruft sie jemand heran, eine Cola, ein Sekt soll es sein. Für die Passagiere auf dem Air-Berlin-Flug 6040 von München nach Düsseldorf ist es die letzte Chance, vor der Landung noch einen der teuren Snacks zu kaufen. Die beiden blonden Frauen in dunkelblauen Röcken und tadellosen Jacken blicken nicht weniger freundlich als sonst. Ihre blonden Haare sitzen fest im Dutt. Sie lächeln, obwohl es ihr letzter Tag im Dienst von Air Berlin sein wird. Jedem Fluggast geben sie ein Schokoherz mit. Erst als der letzte Passagier aus der Maschine getreten ist, laufen einer der Frauen die Tränen übers Gesicht. Es gibt keine Wasserfontänen auf dem Flugfeld für sie, keine Ehrenrunde vor der Landung. Es ist ihr Abschiedsflug, und was danach kommt, wissen sie nicht.

Am Tag des letzten Flugs sitzt der Frust bei den Besatzungen tief. Die Stimmung sei extrem schlecht, sagt Konrad Messerer, Airbus-Kapitän und Mitglied der Air-Berlin-Personalvertretung: "Und das Verhalten des Managements ist dem nicht gerade zuträglich." Er spielt darauf an, dass sich Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann seine Bezüge von 4,5 Millionen Euro dank einer Bankbürgschaft gesichert hat: "Dass ein Manager wie Herr Winkelmann auf Millionen-Forderungen beharrt, während die Beschäftigten um ihre Existenz bangen, lässt jedes Fingerspitzengefühl und unternehmerisches Format vermissen."

Der Generalbevollmächtigte im Insolvenzverfahren bei Air Berlin, Frank Kebekus, glaubt indes, dass auch die nicht übernommenen Beschäftigten eine Chance auf einen neuen Job haben: "Wir gehen davon aus, dass wir 70 bis 80 Prozent der Arbeitsplätze überleiten können", sagte er dem ZDF. Es gebe gute Aussichten, betonte Kebekus mit Blick auf die anhaltenden Gespräche mit Easyjet und Condor: "Wir verhandeln ja noch mit einem zweiten und dritten Interessenten - ich hoffe, dass wir da in den nächsten Tagen Vollzug melden können."

Messerer zweifelt Kebekus' Zahlen an: "Dass er diese nennt, ohne jedoch einen einzigen Beleg dafür zu liefern, halte ich für extrem unseriös. Es sind ja noch nicht einmal alle Kündigungen ausgesprochen worden." Einen Großteil der Maschinen der bisherigen Air Berlin will ohnehin die Lufthansa übernehmen. Bis zu 3000 Mitarbeiter sollen bei ihrer Tochter Eurowings unterkommen. Das Air-Berlin-Personal habe nicht mehr einen Funken Vertrauen in das, "was vonseiten von Herrn Winkelmann oder der Lufthansa-Führung kommt", sagt Messerer. "Dass der Flugbetrieb noch bis zum letzten Tag überhaupt aufrechterhalten werden konnte, liegt allein an dem Pflichtgefühl den Passagieren gegenüber und dem Berufsethos, den die Mannschaft hat", so der Kapitän. Die Stimmung in den Cockpits sei in den vergangenen Wochen gekippt. "Derzeit herrscht die Meinung vor: ,Ich gehe lieber zu Easyjet als zu Eurowings. Bei Easyjet wird wenigstens meine Lebens- und Berufserfahrung wertgeschätzt.'" Piloten, die bei Eurowings anheuerten, müssten Gehaltseinbußen zwischen 30 und 40 Prozent hinnehmen. Ihre Berufsjahre bekämen sie auch nicht angerechnet und müssten erneut eine Probezeit von einem halben Jahr hinnehmen, obwohl sie am Ende mit den gleichen Maschinen fliegen sollen wie bisher."

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Das war zuletzt auch die zentrale Kritik der Vereinigung Cockpit: Die wertete den Fall Air Berlin als Betriebsübergang. Demnach müsste Eurowings die Piloten zu den alten Bedingungen einstellen. Gestern jedoch vollzog die Gewerkschaft eine Kehrtwende und schloss mit der Airline einen Tarifvertrag Wachstum, der die Modalitäten des Übergangs regeln soll. Ob dies zu einer Beruhigung führen wird, ist unklar. Kapitän Messerer warnt jedenfalls: "Das Management unterschätzt meines Erachtens auch, was es heißt, unzufriedene Piloten zu beschäftigen. Das birgt enormes Konfliktpotenzial." Eurowings habe wahnsinnige Probleme, genügend Piloten zu bekommen: "Kunden müssen sich allein schon deshalb auf massive Einschränkungen einstellen. Immerhin können durch den Wegfall von Air Berlin 60.000 Sitze weniger am Tag angeboten werden."

(RP)