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Marl: Das stille Sterben der Zechen

Marl : Das stille Sterben der Zechen

Weil importierte Steinkohle billiger ist, wird in Deutschland ab Ende 2018 nicht mehr gefördert.

Deutschlands Steinkohle stirbt langsam - und fast ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Rund 3000 gut bezahlte Industriearbeitsplätze im Kohlekonzern RAG sind 2014 weggefallen, rund 2000 weitere sollen 2015 gestrichen werden. Ende 2015 schließt auch die vorletzte Ruhrgebietszeche Auguste Victoria in Marl im Norden des Reviers. Dann bleiben nur noch zwei Bergwerke in Bottrop und Ibbenbüren am Rand des Münsterlandes übrig. Die schwarzen Fahnen, mit denen die Kumpel einst erbittert um ihre Jobs kämpften, sind längst eingerollt. "Wir verabschieden uns mit Stolz auf unsere Leistungen, aber ebenso mit großer Wehmut", sagt RAG-Chef Bernd Tönjes.

2007 hatte der Bundestag einen Fahrplan für den Ausstieg aus der defizitären Steinkohle bis Ende 2018 festgeschrieben. Das mühsame Fördern in mehr als 1000 Metern Tiefe in den deutschen Bergwerken lohnt sich nicht mehr, wenn etwa in Australien 30 Meter dicke Flöze mit dem Schaufelradbagger im Tagebau abgebaut werden können. 2014 wurden nur noch 14 Prozent der in Deutschland verbrauchten Steinkohle im Land abgebaut - der Rest kommt als Import teils vom anderen Ende der Welt und ist dennoch deutlich preiswerter. Im Jahr 2000 hatten die Kumpel noch mehr als die Hälfte des deutschen Verbrauchs selbst gefördert. 2005 waren noch mehr als 38 000 Menschen im deutschen Steinkohlenbergbau beschäftigt, aktuell liegt die Zahl bei gut 10 000, Ende 2015 sollen es nur noch gut 8000 sein.

Was das für Folgen hat, lässt sich an Marl zeigen. Die Stadt im nördlichen Ruhrgebiet steht in der ansonsten wirtschaftlich gebeutelten Emscher-Lippe-Region noch ganz gut da. Doch der Arbeitsplatzverlust im Bergbau ist schon jetzt spürbar. Die Schließung Ende nächsten Jahres bringt den richtigen Schlag für die regionale Wirtschaft: "Natürlich merkt das der Einzelhandel, die Gastronomie, die Dienstleister - die Leute haben einfach weniger Geld", sagt Karl-Friedrich Schulte-Uebbing, der Hauptgeschäftsführer der zuständigen IHK Nord-Westfalen.

In der Energiepolitik spielt die Kohle trotz aller Debatten um das CO2 weiter eine große Rolle. 2014 deckte die Steinkohle 12,6 Prozent des deutschen Energieverbrauchs - mehr als die Erneuerbaren (11,1) und viel mehr als die Kernenergie (8,1). Die Steinkohle werde auch nach dem Ausstieg aus der deutschen Förderung Ende 2018 "in den nächsten Jahrzehnten" die Energiewende begleiten, sagt der Chef des Gesamtverbandes Steinkohle, Franz-Josef Wodopia. Die RAG bleibt nach dem Ende der Förderung als Kohlehändler mit noch etwa 300 bis 500 Beschäftigten bestehen und kümmert sich um die Verwertung ihrer Grundstücke und die sogenannten Ewigkeitslasten.

(dpa)