Gewerkschaften: Das sind die großen Tarifkonflikte 2017

Gewerkschaften : Das sind die großen Tarifkonflikte 2017

Bei der Auseinandersetzung um höhere Löhne ist in diesem Jahr vor allem der Dienstleistungssektor an der Reihe.

Das vergangene Jahr war reich an hitzigen Tarifauseinandersetzungen, etwa bei Bund und Kommunen, in der Metall- und Elektroindustrie, der Chemiebranche und im Lufthansa-Konzern. Unterm Strich hat sich dieser Konflikt nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für die Tarifbeschäftigten bezahlt gemacht: Auch dank der niedrigen Inflation konnten sie sich über um zwei Prozent höhere Bruttolöhne freuen. Wir geben einen Überblick über die anstehenden beziehungsweise bereits schwelenden Konflikte:

Einzelhandel Verdi-Chef Frank Bsirske hat die im Frühjahr anstehende Runde schon als die wohl größte Herausforderung für 2017 bezeichnet. Damit könnte er recht behalten. Denn bei den Verhandlungen dürfte es einmal mehr um eine neue Entgeltordnung für den Einzelhandel gehen. Die Tarifverträge sind heillos veraltet, enthalten in einigen Bundesländern noch Regelungen für die Kaltmamsell oder den Flakhelfer. Nicht mehr zeitgemäß, sagen die Arbeitgeber.

Doch um die Entgeltordnung zu ändern, müssen die Manteltarifverträge gekündigt werden - und da befürchten die Gewerkschaften weitere Einschnitte durch die Hintertür. Ein erster Reformanlauf scheiterte 2013. Nach Ansicht des IW-Tarifexperten Hagen Lesch macht es Sinn, eine neue Entgeltordnung erst festzuzurren und anschließend über ein Lohnplus zu verhandeln, denn so könnten die finanziellen Auswirkungen der Neueingruppierung berücksichtigt werden. "Dadurch wird eine solche Runde aber deutlich komplexer und damit länger."

Öffentlicher Dienst Bund und Kommunen waren im vergangenen Jahr an der Reihe (Ergebnis: zweistufige Erhöhung um 2,4 und 2,45 Prozent), in diesem Jahr steht die Gehaltsrunde für die Länder an. Die Gewerkschaften haben bereits eine Forderung von sechs Prozent mehr Lohn aufgestellt. Verhandlungsauftakt ist der 18. Januar. Bei den Ländern sind die Gewerkschaften deutlich weniger schlagkräftig als bei den Kommunen. Ob nun in der Finanzverwaltung die Arbeit ruht, interessiert den Bürger weniger, als wenn die Kitas schließen und der Müll liegen bleibt. Dass Verdi und Co. im öffentlichen Dienst auf Warnstreiks verzichten, glaubt Hagen Lesch indes nicht: "Die mobilisieren allein schon aus Mitgliederpflege." Zudem hält er die Sechs-Prozent-Forderung für äußerst ambitioniert. "Verdi scheint höher abschließen zu wollen als im Durchschnitt. Man argumentiert offenbar wieder mit einem Nachholbedarf. Das schraubt die Erwartungen der Mitglieder hoch und macht die Verhandlungen nicht unbedingt einfacher."

Industrie Die großen Branchen, Metall- und Elektroindustrie sowie die chemische Industrie, haben oftmals Leuchtturmcharakter für ein Tarifjahr. Allerdings haben die beiden wichtigsten Industriezweige im vergangenen Jahr Abschlüsse mit längerer Laufzeit gemacht. "Deren Vorreiterrolle fehlt nun in der aktuellen Tarifrunde", sagt Lesch. Der bedeutsamste Industriezweig dürfte in diesem Jahr wohl die Stahlbranche sein. Doch angesichts der angespannten Situation durch den Dumpingstahl aus China, der drohenden Verschärfungen beim CO2-Zertifikatehandel und möglicher Konsolidierungen sind von dort keine großen Sprünge zu erwarten.

Bahn Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hat noch auf den letzten Metern des vergangenen Jahres eine Einigung mit der Bahn hinbekommen. Noch dazu eine, bei der die Mitglieder wählen konnten, ob sie einen Teil des Ergebnisses lieber in Form zusätzlicher Urlaubstage oder kürzerer Wochenarbeitszeit erhalten wollen. Ungelöst ist der Streit mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). "Mindestens zwei von drei Schlichtungen sind erfolgreich - das lässt für den Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn hoffen; zumal die beiden Schlichter schon einmal erfolgreich bewiesen haben, dass sie es können", so Lesch. Ab dem 11. Januar sollen Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow (Linke) und der SPD-Politiker Matthias Platzeck den Erfolg wiederholen.

Luftfahrt Eine Schlichtung könnte auch in der Dauerfehde zwischen der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und der Lufthansa zum Ziel führen. "Unberechenbarer ist hingegen der schwelenden Konflikt bei der Eurowings", sagt Lesch. Zwar hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi dort einen Tarifvertrag erzielt. "Allerdings strebt auch die konkurrierende Ufo einen Abschluss an - am Ende könnte dies zu einem Lackmustest für die Tarifeinheit werden", so der Experte.

(maxi)
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