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Aok-Chef Jürgen Graalmann: "Das Bild vom souveränen Patienten hat Kratzer"

Aok-Chef Jürgen Graalmann : "Das Bild vom souveränen Patienten hat Kratzer"

Wie erklären Sie sich, dass viele Bürger nicht in der Lage sind, das Nötige zu tun, um Krankheiten zu bewältigen und sich selbst gesund zu halten?

Wie erklären Sie sich, dass viele Bürger nicht in der Lage sind, das Nötige zu tun, um Krankheiten zu bewältigen und sich selbst gesund zu halten?

Graalmann Dieser Befund ist ausgesprochen überraschend. Denn das Informationsangebot zum Thema Gesundheit hat enorm zugenommen, im Internet und in anderen Medien. Wir müssen feststellen, dass das Bild vom souveränen Patienten Kratzer bekommen hat. Selbst Akademiker haben Probleme, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen. Ganz offensichtlich ist das Informationsangebot nicht gleichzusetzen mit der Kompetenz, die Informationen auch zu verstehen und umzusetzen.

Wie lassen sich die Gesundheitsinformationen besser an den Mann bringen?

Graalmann Damit Gesundheitsinformationen wirklich bei den Menschen ankommen, müssen vier Dinge beachtet werden: Sie müssen verständlich, nutzerorientiert und qualitätsgesichert sein. Und das Entscheidende ist, dass es eben nicht ausreicht, die Informationen zur Verfügung zu stellen. Wir brauchen auch Informationen, die zu den Menschen getragen werden.

Wie meinen Sie das?

Graalmann Es geht um das, was die AOK im Bereich der Prävention schon tut. Wir investieren sechs Mal so viel in die Prävention im Lebensumfeld wie andere Kassen. Das heißt, wir machen Gesundheitsaufklärung in Kitas und Schulen und unterstützen betriebliche Gesundheitsförderung. Das muss im Rahmen eines Präventionsgesetzes noch ausgebaut werden.

Sollte das Thema Gesundheit auch in Schulen unterrichtet werden?

Graalmann Gesundheitliche Bildung muss stärker im Schulunterricht verankert werden. Das ist eine Aufgabe der Kultusministerkonferenz. Wir können auch so weit gehen wie die Schweiz und das Informieren über Gesundheit zum Gesundheitsziel ausrufen, ähnlich wie wir uns auch Ziele setzen, in welchem Umfang Volkskrankheiten zurückgedrängt werden sollen.

Was können die Kassen leisten?

Graalmann Die Krankenkassen sollten eine Kompass-Funktion wahrnehmen. Wir bauen unsere Informationen stetig aus. Wir bieten auch eine Reihe von Entscheidungshilfen, die wir online stellen, zum Beispiel zu Selbstzahler-Leistungen, Organspende und Impfungen. Wobei wir keine Verhaltensregeln herausgeben, sondern tatsächlich nur Informationen bieten, auf deren Grundlage die Versicherten dann ihre individuellen Entscheidungen treffen können. Diese Angebote werden sehr gut angenommen. Allein unser Arztnavigator, an dem mittlerweile auch die Barmer GEK und die TK teilnehmen, wird 1,5 Millionen Mal pro Monat aufgerufen.

EVA QUADBECK FÜHRTE DAS INTERVIEW

(qua)