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Umstrittene Pläne der Koalition: "Crowdfunding"-Markt legt zu - Branche fühlt sich gegängelt

Umstrittene Pläne der Koalition : "Crowdfunding"-Markt legt zu - Branche fühlt sich gegängelt

Der "Crowdfunding"-Markt ist noch klein. Aber alternative Geldanlagen über Internet-Plattformen legen stark zu. Die noch junge Branche fühlt sich gegängelt durch Pläne der Koalition. Verbraucherschützer sehen durchaus Gefahren für Kleinanleger und wollen noch striktere Vorgaben.

Sie nennen sich "Addact", "Youcan2", "Bankless24", "Filmkraut" oder "Dreamojo" - Internetplattformen, die Geld für allerlei Projekte sammeln. Viele Anleger investieren hier eher kleine Beträge. Ob für Konzerte, Gemeinnütziges, Kampagnen, den Mittelstand oder Filme. "Crowdfunding" und "Crowdinvesting" heißen die bankenunabhängigen Geldquellen, oder "Schwarmfinanzierungen". Die Kleinst-Investoren werden am Gewinn beteiligt oder profitieren später beim Ausstieg. Wenn die Rechnung aufgeht. Denn auch hier gilt: Wo hohe Renditen locken, ist das Ausfallrisiko groß.

Etwa 70 Anbieter buhlen nach Angaben der Szene hierzulande um Schwarm-Anleger, die auch Startup-Firmen finanzieren oder Kleinst-Kredite vergeben. Noch ist der Markt bescheiden, aber er wächst rasant. Laut einer Studie der Cambridge-Universität ist der europäische "Crowdfunding"-Markt 2014 um 144 Prozent auf knapp drei Milliarden Euro geklettert. Deutschland rangiert mit 140 Millionen Euro auf Platz 3 der größten "Crowdfunding"-Länder. Die junge Branche internetgestützter Geldsammler sieht sich aber bedroht - durch das "Kleinanlegerschutzgesetz" der großen Koalition.

Union und SPD wollen Verbraucher vor hochriskanten Finanzprodukten schützen, unter anderem mit strengeren Informationspflichten. Für "Crowdfunding" sind zwar Ausnahmen geplant. Nach Meinung der Plattform-Betreiber droht dennoch Ungemach. Überzogen und teils absurd seien die schwarz-roten Pläne, klagt der Deutsche Crowdsourcing Verband. Verbraucherschützer sehen das anders. Der Schutz der Kleinanleger werde durch die Ausnahmen auf den Kopf gestellt, warnen sie in einer Stellungnahme für den Finanzausschuss des Bundestages, der für Montag zu einer Anhörung geladen hat.

Worum geht es? Der "Graue Kapitalmarkt" wird stärker an die Kandare genommen, neue Finanzierungswege wie "Crowdfunding" aber sollen nicht behindert werden. Weshalb bei der Prospektpflicht für Geldanlagen Ausnahmen geplant sind, wenn die Finanzierung über eine Internet-Plattform erfolgt. Bedingung: Es handelt sich um eine Vermögensanlage, die je Anbieter den zu sammelnden Gesamtbetrag von einer Million Euro nicht übersteigt. Das Einzelinvestment pro Anleger darf zudem - je nach individueller Vermögens- und Einkommenssituation - 1 000 bis 10 000 Euro nicht überschreiten.

Die Branche pocht auf eine höhere Schwelle und verweist auf Regeln anderer Länder. Kontraproduktiv sei auch, die Ausnahme an den Maximalbetrag von 10 000 Euro je Investor zu knüpfen. Auch sollten die Plattformen nicht auf bestimmte Finanzierungsinstrumente festgelegt werden. Werbung im Internet müsse zulässig sein, wenn sie keine konkreten Renditeversprechen oder -aussichten enthält. "Das Gesetz ist ziemlich gründerfeindlich", sagt Karsten Wenzlaff vom Crowdsourcing Verband. Der Markt werde eingeschränkt mit Maßnahmen, die nicht dem Verbraucherschutz dienten.

Verbraucherzentralen halten dagegen, auch diese Anlagen seien hoch riskant. Es sollte davor gewarnt werden, dass sie nicht der Altersvorsorge oder dem Vermögensaufbau dienten, meint der Bundesverband der Verbraucherzentralen vzbv. Die Ausnahme von der Prospektpflicht sei "so nicht nachvollziehbar", die Schwelle von 10 000 Euro je Anleger kritisch: "Für das Gros der Kleinanleger sind 10 000 Euro eine bedeutende Summe und kein Spielgeld."

Auch die Kreditwirtschaft warnt, aus Anlegersicht handele es sich bei "Crowdfunding" um ein Hochrisikoinvestment: "Es darf durch die Crowdfunding-Plattformen nicht der Eindruck erweckt werden, dass Investitionen in Crowdfunding-Projekte mit der Sicherheit einer Bank- oder Spareinlage vergleichbar wären."

Die Finanzexpertin der Unions-Fraktion, Antje Tillmann (CDU), will im weiteren Gesetzgebungsverfahren versuchen, "auch den Interessen von in Sozialprojekten engagierten Bürgern gerecht zu werden und Crowdfunding attraktiver zu machen." Letztlich gibt es erst wenige Markterfahrungen. Erst in einigen Jahren dürfte sich zeigen, ob "Crowdfunding" erfolgreich ist. Weshalb die Regeln bis Ende 2016 überprüft werden sollen - um gegebenenfalls nachzubessern.

(dpa)