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Corona-Warn-App: Experten fordern mehr Infos zu Risikobegegnungen

Corona-Warn-App : Experten fordern mehr Informationen zu Risikobegegnungen

Seit Omikron ist die Warn-App bei vielen Nutzern ständig rot. Angaben gibt es jedoch nur zum Tag der Risikobegegnung, nicht zum Kontext und zur Uhrzeit. Der Wissenschaftler Paul Lukowicz fordert nun die Übermittlung der Uhrzeit eines Kontaktes.

Sie soll warnen und das tut sie auch: Mehr als 40 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App seit ihrem Start heruntergeladen. Rund 1,7 Millionen Infizierte haben bisher ihr positives Testergebnis über die Anwendung geteilt, also rund ein Siebtel der knapp zehn Millionen Menschen, die sich bisher mit Corona infizierten. Allein am 31. Januar meldeten rund 28.000 Nutzer einen positiven Test und warnten so andere Menschen.

Wer in den vergangenen Tagen einem von ihnen begegnet ist, wird in seiner App nun unter Umständen eine rote Kachel vorfinden – wenn sie nicht ohnehin seit Wochen in einem dauerroten Zustand ist. Denn in der aktuellen Omikron-Welle hat mit den steigenden Infektionszahlen auch die Zahl der Risikomeldungen zugenommen. Die Anwendung warnt dabei lediglich vor einem erhöhten Ansteckungsrisiko, um sich  dann eventuell zu testen. Eine rote Kachel bedeutet nicht automatisch, dass man sich mit dem Coronavirus angesteckt hat. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung tatsächlich ist, hängt von vielen verschiedenen Kriterien ab – ob eine Maske getragen wurde zum Beispiel oder ob die Begegnung draußen stattfand.

Die App kann diese Faktoren nicht in ihre Berechnungen einbeziehen. Sie arbeitet mithilfe der Bluetooth-Funk-Technologie und errechnet das Infektionsrisiko des Nutzers anhand von Faktoren wie der Dauer und dem Abstand bei der Begegnung. Auch die Zeit, die seit der Begegnung vergangen ist und die Infektiosität (abgeleitet aus der Information, wann und ob Symptome eingesetzt haben) spielen eine Rolle. Überschreitet ein aus diesen Faktoren ermittelter Risikowert den vom RKI vorgegebenen Schwellwert, erhalten die Benutzer eine Benachrichtigung.

Ob sie sich mit der infizierten Person tatsächlich in einem Raum aufgehalten haben, kann dabei nicht berücksichtigt werden: Das Bluetooth-Signal geht (wie bei einem Smartphone, das sich mit der Musikbox im Nebenzimmer verbindet) auch durch Wände. Es ist bei einer Warnung in manchen Fällen also durchaus möglich, dass es der Nachbar war, der sich infiziert hat und dessen Smartphone in den vergangenen 14 Tagen Kontakt zu einem anderen Smartphone durch die Wand aufgenommen hat. Als Ergebnis kann der Eindruck eines hohen Infektionsrisiko bei der Corona-Warn-App entstehen, tatsächlich wurden nur Bluetooth-Daten ausgetauscht. Auch Warnungen nach einem Stau, bei dem ein Nutzer längere Zeit in seinem Auto in der Nähe einer infizierten Person gestanden hat (oder etwa in der Schlange vor einem Drive-Through-Testzenter), sind möglich. Laut RKI handelt es sich dabei jedoch um Ausnahmen.

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Für die Risikoermittlung werden die Daten dezentral auf den Geräten der Nutzer gespeichert. Informationen zu ihrer Identität werden nicht gesammelt. Für viele Nutzer beginnt damit nach einer Warnung das Rätselraten: Mit wem stand ich an diesem Tag wie lange in Kontakt? Wurde eine Maske getragen? Oder habe ich an diesem Tag vielleicht gar nicht die Wohnung verlassen, was wiederum für eine Falschmeldung sprechen würde? Einige Kritiker der App bemängeln seit längerem, der Nutzen einer Warnmeldung sei ohne weitere Kontextinformationen begrenzt.

Auch Paul Lukowicz, Professor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, teilt diese Kritik. „Grundsätzlich denke ich, dass gerade in der jetzigen Phase der Pandemie, in der die Gesundheitsämter die Kontaktverfolgung aufgegeben haben, die App erst richtig nützlich sein kann“, sagt er. „Ein Problem gibt es aber, wenn wegen der hohen Fallzahlen viele Nutzer eine Warnung nach der anderen angezeigt bekommen und diese, weil sie nicht eingeordnet werden können, vielleicht eher ignoriert werden.“

Lukowicz fordert darum eine Anpassung der App, durch die mitgeteilt wird, zu welcher ungefähren Uhrzeit der Nutzer sich infiziert haben könnte. Menschen könnten so besser einschätzen, ob sie sich zum Zeitpunkt der Begegnung etwa in einer Bar befanden oder mit Maske draußen unterwegs waren. Wer seinen positiven Test über die Anwendung teilt und nicht möchte, dass neben dem Datum auch Angaben zur Uhrzeit gemacht werden, könnte dies blockieren. Betrachte man die „Kosten-Nutzen-Ebene“, sei eine solche Anpassung der App mit dem Datenschutz zu vereinbaren, es wird ja niemand gezwungen,die Daten zur Uhrzeit eines möglichen Kontaktes offenzulegen.

Eine Umsetzung dieser Kritikpunkte durch das Projektteam der App (RKI, Deutsche Telekom und SAP) ist derzeit jedoch nicht in Sicht. Die Anwendung greift auf eine von Google und Apple im Betriebssystem eingebundene Schnittstelle zurück. Diese erlaube es der App laut RKI nicht, Informationen zum genauen Zeitpunkt oder Ortes einer möglichen Risikobegegnung auszulesen. Die Anonymität der warnenden Personen könnte unter Umständen nicht mehr gewahrt werden, was die Akzeptanz der App in der Bevölkerung gefährden könnte. Das Team stehe jedoch in einem „regelmäßigen Austausch mit Apple und Google“, um mögliche Anpassungen der Schnittstelle zu diskutieren.

Markus Dürmuth forscht zum Thema „Mobile Security“ und ist Professor an der Leibniz Universität Hannover. Auch er hat Bedenken, dass eine Anpassung aktuelle und potenzielle Nutzer eher abschrecken könnte. Sinnvoller sei es aus seiner Sicht, die generelle Bedeutung der App zur Kontaktverfolgung herauszustellen, um so mehr Menschen von ihr zu überzeugen und letztendlich auch ihre Wirksamkeit zu stärken. Die App zeigt bei einer Warnung nur, an welchem Tag letztmalig eine Begegnung mit erhöhtem Risiko stattgefunden hat. Weitere Angaben gibt es nicht, weil sonst das Risiko hoch wäre, dass die Identität vieler Infizierter indirekt bekannt würde. Denn viele Menschen begegnen nur wenigen anderen Menschen an einem Tag.  Würden sie also die Uhrzeit des möglichen Risikokontaktes erfahren, wäre für sie sofort klar, wer von ihnen Bekannten oder Freunden positiv getestet wurde.