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Corona, Krieg und Energiekrise machen den deutschen Biebrauern zu schaffen​

Nöte der Brauer : Corona, Krieg und Energiekrise machen den deutschen Biebrauern zu schaffen

Energiekrise, Krieg, Corona, nachlassende Bier-Begeisterung in Deutschland – die Branche hat aktuell viele Probleme. Die möglichen neuen Pandemie-Regeln lösen Unmut auch bei den Bierbrauern aus.

Wenn im Oktober dieses Jahres die Länder neben den Bundesbestimmungen zusätzliche neue Corona-Regeln einführen sollten, dann kehren womöglich die Maskenpflicht und/oder neue Kontrollpflichten in der Gastronomie zurück. Das treibt nicht nur die Gastwirte selbst um, sondern auch jene, die ihnen das Bier liefern. „Das Gastgewerbe hat mit neun Monaten Lockdown einen hohen Preis bezahlt und viele Gäste und Mitarbeiter verloren. Die Gastronomie und ein Großteil ihrer Lieferanten sind noch immer stark angeschlagen, anders kann man es nicht beschreiben“, sagt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes.

Die jüngsten Beschlüsse zielten erneut auf die Gastronomie ab und sorgten in der Branche für erheblichen Unmut, so Eichele. Seine Forderung: „Bund und Länder müssen für den Herbst einen klaren Rahmen setzen, mit Augenmaß und Vernunft. Gerade jetzt brauchen die Betriebe mehr denn je verlässliche Perspektiven und Planungssicherheit.“ Was für ihn völlig unverständlich bleibt: „Es ist nach mehr als zwei Jahren Pandemie nicht nachvollziehbar, dass ein Expertenrat wegen fehlender Daten keine Bewertung der Corona-Maßnahmen vornehmen kann. Bund und Länder hätten sich sehr viel besser vorbereiten können auf das, was jetzt im Herbst und Winter wieder auf uns zukommt.“ Manche stünden mit dem Rücken zur Wand. Das gilt wohl erst recht, wenn sich Gasrechnungen im Oktober verdoppeln. Dass da die Bierpreise noch einmal steigen könnten, liegt auf der Hand.

Mögliche neue Einschränkungen wegen Corona ab Oktober würden auch die Brauer treffen – nach einem ersten Halbjahr 2022, in dem die Branche zwar gegenüber dem Vorjahr erneut zugelegt hat, aber weiterhin hinter den Zahlen der Zeit vor Corona zurückbleibt. In Zahlen: 3,8 Prozent mehr als in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres, aber mehr als fünf Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2019. „Die Absatzsteigerung dieses Jahres ist dem Basiseffekt des Vorjahres zu verdanken. Verglichen mit dem Bierjahr 2019 sind wir immer noch tief im Minus“, sagt Eichele. Und der Rückstand könnte wachsen, wenn Deutschland wegen der Auswirkungen des Krieges tatsächlich in die Rezession stürzt und die Verbraucher wegen steigender Energie- und Lebensmittelkosten sparen, wo sie nur können, um genug Puffer für die finanziellen Belastungen 2023 zu haben.

Abseits solcher konjunkturellen Überlegungen lautet Eicheles für die Brauer ernüchterndes Fazit: „Der Getränkemarkt wird immer vielfältiger. Darunter leidet auch der Bierkonsum. Die alten Zeiten kommen nicht mehr wieder.“ Da schwingt auch die Erkenntnis mit, dass sich früher viel mehr Menschen das Pils, Alt, Kölsch oder Hefeweizen im Biergarten gönnten, während heute vor allem manche jüngeren Leute lieber zum Aperol Sprizz oder zum Gin Tonic greifen. Schon vor Beginn der Pandemie waren Biertrinker von Meinungsforschern der Republik zur Minderheit erklärt worden. Rein statistisch betrachtet, greift der Deutsche eher zum Wein als zum Bier, auch wenn er von Letzterem mehr zu sich nimmt. Das liegt in der Natur des Homo sapiens und seiner Leber, die in der Regel bei gleicher Menge mehr Bier als Bordeaux verträgt.

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Auf jeden Fall hat die Freude am Bier nachgelassen. Früher durften sich Deutschlands Biertrinker in ihrer Gesamtheit häufig als Europameister feiern lassen. Will heißen: Kein Volk auf dem Kontinent konsumierte so viel wie wir. Doch das ist Vergangenheit. In Europa haben die Tschechen mit 135 Liter pro Kopf und Jahr den Rest abgehängt, die Deutschen müssen bei 95 Litern auch noch den Österreichern den Vortritt lassen. Und die Polen liegen nur knapp hinter uns. Das sind Zahlen für das Jahr 2020, neuere Erhebungen liegen noch nicht vor.

Ein Trend, der sich in den vergangenen zehn Jahren durchgesetzt hat, ist: Bier ja, Alkohol nein. Egal ob Pils, Weizen oder Kölsch – all das gibt es eben auch ohne, und es wird immer beliebter. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland rund 411 Millionen Liter alkoholfreies Bier im Wert von rund 358 Millionen Euro produziert. Damit sei der Absatz in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 74 Prozent gestiegen, so die Statistiker. Schon bald könnte jedes zehnte in Deutschland gebraute Bier ein alkoholfreies sein, heißt es. Aktuell liegt der Marktanteil bei etwa 6,7 Prozent.

Corona und der Krieg in der Ukraine haben das Geschäft für die Bierbrauer schwieriger gemacht. Das liegt nicht nur an steigenden Rohstoff- und Transportkosten, sondern auch daran, dass sich die Exportmärkte verändert haben. „Russland war größter Drittstaat im Export. Dieser Markt ist durch den Krieg komplett weggebrochen“, sagt Eichele. Der Angriff Russlands und die Folgen sind ein maßgeblicher Grund dafür, dass die Ausfuhren in Staaten außerhalb der Europäischen Union um mehr als 19,1 Prozent zurückgegangen sind. Und auch in Fernost läuft es schlechter: „Auch das China-Geschäft ist schwieriger geworden, wegen der Lockdowns, aber auch wegen hoher Containerpreise“, erklärt Eichele.