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Shanghai/Düsseldorf: Börsencrash in China gefährdet Wachstum

Shanghai/Düsseldorf : Börsencrash in China gefährdet Wachstum

Die Aktien in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sacken um acht Prozent ab. VW, BASF und Lanxess zittern.

Die Krise an den Aktienmärkten Chinas hat sich verschärft. Nachdem die Börsen in Shanghai und Shenzhen im Juni zeitweise um ein Drittel abgerutscht waren und sich dann zeitweise erholt hatten, stürzten die Kurse gestern so stark ab wie seit acht Jahren nicht. Der Kursrutsch vernichtete in wenigen Stunden umgerechnet rund 570 Milliarden Euro Börsenwert. Danach erlitten auch die Wertpapiermärkte in USA und Europa deutliche Einbußen. In Deutschland als besonders exportorientiertem Land fielen die Kurse um 2,6 Prozent. "Die große Frage ist nun, ob wir in China nur kurzfristige Turbulenzen sehen", sagt der angesehene Kapitalmarktexperte Daniel Stelter, "oder ob das Land grundsätzlich in die Knie geht. Das würde unsere Wirtschaft viel mehr treffen als die Turbulenzen im kleinen Griechenland."

Dabei spürt eine Reihe deutscher Konzerne schon die jetzigen Probleme in China stark. Lanxess beispielsweise war mit einem Minus von fast vier Prozent einer der Hauptverlierer im Dax. Die Kölner machen in China mehr als zehn Prozent des Geschäftes. ThyssenKrupp-Aktien gingen um 3,4 Prozent in die Knie - der Konzern hat große Fabriken in China. BASF sackte um 2,8 Prozent ab - der weltweit wichtigste Chemiekonzern hat sein zweitgrößtes Werk (nach Ludwigshafen) bei Shanghai.

BMW, Daimler und VW legten gestern gemeinsam den Rückwärtsgang an der Börse ein - mit den USA und Deutschland gehört das Reich der Mitte zu den wichtigsten Absatzmärkten für die hiesigen Autobauer. Und weil die Wolfsburger fast 40 Prozent ihrer Wagen in China verkaufen, könnte die nun drohende Absatzkrise bei VW sogar das große Ziel verhindern, in drei Jahren der absatzstärkste Autokonzern der Welt noch vor General Motors und Toyota zu werden.

Die entscheidende Frage: Fällt China grundsätzlich als Wachstumsmotor der Weltwirtschaft aus? Optimistisch sind die meisten NRW-Konzerne wie Evonik, Henkel und Bayer. Der Grund: Der Nachholbedarf in China nach weiteren Konsumgütern ist groß, die Devisenreserven liegen nach vielen Jahren gigantischer Exportüberschüsse bei 3600 Milliarden Euro - die Partei- und Staatsführung hat also riesige Reserven, um das Wachstum wieder anzutreiben.

Allerdings bestätigt der gestrige Crash, dass Peking die Wirtschaft längst nicht mehr so gut steuern kann wie vor einigen Jahren. Denn der Ausverkauf an den Börsen geschah, nachdem die Staatsführung massiv in die Aktienmärkte interveniert hatte. Großaktionäre chinesischer Firmen dürfen ihre Anteile nach dem Kurssturz im Juni nicht mehr abstoßen, der Staat kaufte selber Aktien nach. Das trieb aber nur zeitweise die Notierungen wieder hoch, und nun sitzen Millionen Kleinanleger auf Schulden, die sie in der Hoffnung auf hohe Gewinne für den Kauf von Aktien aufgenommen haben. "Die Börsenturbulenzen werden die Bevölkerung lehren, dass die Partei nicht unfehlbar ist", sagt James Falkiner, Chef einer aus-tralischen Anlagefirma, "das politische System wird demystifiziert. Das könnte schmerzliche Konsequenzen haben."

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Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die US-Großbank Morgan Stanley warnen. Der IWF rechnet für 2015 "nur" mit einem Wachstum von 6,8 Prozent - das ist mehr als in jedem Land Europas, aber so wenig wie seit 15 Jahren nicht. Chinas Konjunktur leide, weil viele Unternehmen zu hohe Schulden hätten, warnt Morgan Stanley. Es sei nicht gelungen, den verschuldeten Firmen mit hohen Aktienkursen Kapital zuzuführen. Also drohe nun ein Rückschlag. Schwellenländer-Experte Ruchir Sharma sagt: "In den nächsten Jahren werden die wunden Punkte für die Weltwirtschaft vor allem in China liegen." Eine Rezession drohe.

(RP)