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Frankfurt: Börsen-Chef schweigt zu Insider-Vorwurf

Frankfurt : Börsen-Chef schweigt zu Insider-Vorwurf

Die Vorlage der Bilanz rückt in den Hintergrund, stattdessen steht Carsten Kengeter im Kreuzfeuer.

Seine Kollegen benutzten das Tischmikrofon. Aber Carsten Kengeter, der Vorstandschef der Deutschen Börse, hatte ein elegantes Minimikro fast auf die Wange geklebt. Er sollte immer redefähig sein. Aber viel zu sagen, hatte er nicht.

Der Mann, dem die Frankfurter Staatsanwaltshaft Insiderhandel nachweisen will, hätte gerne über alles geredet auf der Bilanzpressekonferenz, über Erlöse und Nettogewinne und Dividende und Investitionspläne. Auch über seine Vision von der Fusion zwischen Frankfurter und Londoner Börse.

Aber bitte keine Details. Als er sich dafür vorbeugend entschuldigte, gab es erstmal eine kleine Pause im Redefluss. Ein Schluck Wasser. Dann, immer mit dem leichten englischen Akzent, der dem lange in London beheimateten früheren Investmentbanker anhaftet, eine "persönliche Bemerkung". Die Verdächtigung des Insiderhandels habe ihn "persönlich sehr getroffen". Insiderhandel widerspreche allem, wofür er stehe. Natürlich müsse der Vorwurf "im Interesse integrer Märkte" aufgeklärt werden. Doch leider bitte er "um Verständnis dafür, dass ich aufgrund der laufenden Ermittlungen Ihnen zu dieser Sache keine weiteren Auskünfte geben kann".

Dennoch: Die Fragen häuften sich. Warum hat Kengeter Ende 2015 Aktien der Deutschen Börse in Millionenhöhe gekauft, kurz bevor der Fusionsplan mit der Londoner Börse aufkam? Warum hat er sich dem Vorwurf des Insiderhandels ausgesetzt? Warum hatte nur er das Angebot des Aufsichtsrates, die eigenen Millionenkäufe durch eine Zulage des Arbeitgebers in gleicher Höhe zu verdoppeln? Warum nicht der ganze Vorstand? Der Pressechef der Börse versuchte, die Fragen zu "bündeln". Mehrfach fielen dabei einige unter den Tisch. Sie wurden neu gestellt. Und der Mann behauptete, sie seien doch beantwortet worden: Kengeter habe "eine Menge dazu gesagt." Protest selbst unter den sonst disziplinierten Finanzjournalisten: "Nein, hat er nicht", schallte es durch den stickiger werdenden Raum.

Es nutzte nicht viel. Ähnlich unbefriedigend wurden auch Fragen zur Börsenfusion beantwortet. Muss wirklich der Sitz der gemeinsamen Holding in London sein, damit Kengeter den Chefposten bekommt? Kann nicht Frankfurt der Sitz sein und dann ein Brite der Boss? Gibt es einen Plan B, wenn die hiesige Börsenaufsicht die Fusion untersagt? Tritt Kengeter zurück, wenn die Fusion misslingt? "Das sind rein spekulative Fragen. Da werde ich nicht drauf eingehen." Dem Vernehmen nach drohen hohe Geldstrafen, wenn Kengeter oder die Deutsche Börse Zweifel am Fusionswillen aufkommen lassen.

Sein Sprecher drängte auf das Ende der Pressekonferenz. Der Vorstand habe noch Termine. Ein paar Informationen kamen doch noch heraus: Klappt die Fusion bis zum 30. Juni nicht, verfallen die Verabredungen. Wenn sie klappt, bekommt Kengeter keinen Bonus. Spätestens am 3. April will die EU-Kommission ihre Prüfung der Fusion abschließen. Dann muss noch die hessische Börsenaufsicht zustimmen.

Kengeter hält die Fusion für richtig, auch wenn die Briten aus der EU austreten. London sei nicht nur der größte Finanzplatz Europas, sagte er, "sondern der größte Kapitalmarkt der Welt". Und werde das auch bleiben, mindestens für amerikanisches und asiatisches Kapital. Die Ambitionen sind groß: "So werden wir auch in Europa über die deutsche Wirtschaft, über die anderen Wirtschaften in Europa unsere Arbeitslosigkeit von knapp 25 Millionen abbauen können."

Allein Deutschland brauche bis 2020 jährlich 40 Milliarden Euro für die Digitalisierung. Trotz acht Prozent höherer Erlöse im vorigen Jahr, trotz eines um 14 Prozent gestiegenen Nettogewinns, trotz einer auf 2,35 (2,25) Euro je Aktie wachsenden Dividende - allein schaffe das die Deutsche Börse nicht.

Kengeter dürfte sich mittlerweile ärgern, die Börsenaktien für 4,5 Millionen Euro gekauft zu haben, damit der Arbeitgeber weitere Stücke in gleicher Höhe darauflegt. Ob der Manager charakterlich geeignet ist, die Deutsche Börse zu führen und erst recht eine fusionierte Börse, ist offen. Es gibt Stimmen am Finanzplatz, die den Vorwurf des Insiderhandels gegen einen Börsenchef mit dem Vorwurf des Bankraubs gegen einem Bankvorstand vergleichen.

(RP)