Bitkom-Präsident Achim Berg über DSGVO und Breitband

Interview mit Achim Berg: „Wirtschaft muss bei KI aktiver werden“

China und die USA ziehen beim Thema Künstliche Intelligenz davon, warnt der Bitkom-Präsident. Deutschland brauche eine Offensive.

Der Präsident des IT-Branchenverbands Bitkom ist für eine Konferenz nach Düsseldorf gereist. In einem Hotel nahe dem Flughafen diskutiert er mit Experten über Künstliche Intelligenz. Doch das ist längst nicht das einzige große Thema, das den 54-Jährigen umtreibt. Gerade die Dominanz von China und den USA besorgt Berg. Er beklagt digitale Kleinstaaterei in Europa – die ein Grund dafür sei, dass nur eine der 60 weltweit größten digitalen Plattformen aus Deutschland komme.

Wer bei der Digitalisierung vorne mitspielen will, braucht schnelle Netze. Die Bundesregierung will bis 2025 eine flächendeckende Versorgung mit Breitbandanschlüssen mit bis zu einem Gigabit in Deutschland erreichen. Gut so?

Berg Es ist richtig, dass sich die Regierung ambitionierte Ziele für den Ausbau der Telekommunikationsnetze setzt. Wir unterstützen das. Aber einige Maßnahmen müssen noch einmal durchdacht werden.

Was halten Sie davon, dass der Bund zwölf Milliarden Euro Subvention für den Festnetzausbau hereinholen will, indem er die Lizenzen für das künftige superschnelle Mobilfunknetz 5G teuer versteigern will?

Berg Das ist problematisch. Durch teure Lizenzen wird den Unternehmen das Geld aus der Tasche gezogen, das sie dringend benötigen, um Gigabit in die Mobilfunknetze zu bringen. Besser wäre es, die Lizenzen so zu versteigern, dass nicht die Versteigerungserlöse, sondern der schnelle Aufbau der neuen 5G-Netze im Mittelpunkt steht.

Was schlagen Sie vor?

Berg Keine zu teure Versteigerung. Und den Verzicht auf eine flächendeckende Ausbauverpflichtung für 5G. Aktuell geht es um Frequenzen, mit denen man einfach keine Flächendeckung hinbekommt. Es müsste alle 200 bis 300 Meter ein Sendemast aufgebaut, mit Glasfaser angeschlossen und mit Strom versorgt werden. Das ist völlig unrealistisch und macht auch keinen Sinn. Die Physik hat nun einmal Grenzen, und die Politik sollte diese Grenzen zur Kenntnis nehmen.

Was wäre eine Alternative?

Berg Wir schlagen eine Doppelstrategie vor: In Gewerbegebieten, Schulen, Kliniken und dichten Wohngebieten brauchen wir schnell einen Start von 5G. Parallel müssen wir die weißen Flecken in dünn besiedelten Gebieten und an Verkehrswegen schließen. Dazu ist eine Weiterentwicklung von LTE, mir der sich ebenfalls Bandbreiten bis in den Gigabit-Bereich erzielen lassen, am besten geeignet.

Wie sehen Sie die Chancen Deutschlands beim Zukunftsthema Künstliche Intelligenz?

Berg Deutschland lag lange bei der Forschung zur Künstlichen Intelligenz weit vorne. Aber im Moment geben China und die USA richtig Gas. Also muss unser Land deutlich mehr investieren: Wir schlagen 40 Lehrstühle vor, um die Künstliche Intelligenz weiter zu erforschen und den Nachwuchs auszubilden. Wir fordern zusätzlich, dass die Hälfte aller Forschungsgelder in Digitalprojekte gesteckt wird. Nur so kann Deutschland bei diesem wichtigsten Zukunftsthema von Wirtschaft und Gesellschaft vorne dabei bleiben.

Angeblich hat der Suchmaschinen-Betreiber Google rund 60 Prozent der Experten für Künstliche Intelligenz angeheuert.

Berg Die Herausforderung bei der Künstlichen Intelligenz durch die Global Player aus den USA wie Google, Amazon, Facebook oder Apple ist tatsächlich enorm. Jeder von ihnen investiert Milliardenbeträge in Innovationen und die Erforschung der Künstlichen Intelligenz. Die deutsche Wirtschaft muss hier aktiver werden. Wenn wir den Anschluss bei Künstlicher Intelligenz verlieren und bei dieser Schlüsseltechnologie Abhängigkeiten entstehen, wird die Aufholjagd richtig teuer.

Warum?

Berg Mit Künstlicher Intelligenz lassen sich Dienstleistungen viel effizienter und besser organisieren. Guter Kundendienst wird künftig ohne einen digitalen Assistenten inklusive Spracherkennung fast undenkbar sein. Die Auswertung von Kundendaten ist ohne selbstlernende Rechner deutlich schwieriger. Diagnoseassistenten in der Medizin oder Managementassistenten im Business, überall dort steckt Künstliche Intelligenz drin. Auch bei der Steuerung des Verkehrs sind Fortschritte ohne Künstliche Intelligenz nur sehr eingeschränkt möglich. Gerade für Deutschland als starkes Industrieland ist darum eine starke Position bei Künstlicher Intelligenz wichtig.

Was muss passieren?

Berg Es macht wenig Sinn, dass die deutschen Hochschulen exzellente Mathematiker oder Programmierer ausbilden, während die Unternehmen zu wenig tun, um diese Spitzenleute an Deutschland zu binden. Nur 23 Prozent der Firmen investieren ins digitale Geschäft. 31 Prozent der Manager sagen, sie hätten keine Zeit für Digitalprojekte, weil sie sich um aktuelle Aufträge kümmern müssen. Das wäre so, als ob ich bei einem Autorennen aufs Tanken verzichte, um schneller ans Ziel zu kommen – aber dann bleibe ich ganz liegen.

Macht Kollege Roboter uns bald alle arbeitslos?

Berg Es gibt unterschiedliche Studien, die dafür und dagegen sprechen. Sicher ist, dass einfachere Tätigkeiten eher wegfallen als komplexe Aufgaben. Aber wir müssen auch die Chancen sehen: Es gibt viele Jobs, die früher undenkbar gewesen wären: Webdesigner, YouTuber, Datenanalysten. Insgesamt bedeutet dies: Das Bildungswesen muss besser auf die digitale Zukunft vorbereiten. Dabei sind auch die Unternehmen gefordert, die Fortbildungsangebote ausbauen müssen. Wie erfolgreich das sein kann, zeigt zum Teil die jetzige Lage: Deutschland hat heute bereits eine der effizientesten, hoch automatisierten Volkswirtschaften der Welt. Dennoch oder gerade deshalb ist die Arbeitslosigkeit relativ gering. Es lohnt sich also, produktiv und damit wettbewerbsfähig zu sein.

Sollte ein bedingungsloses Grundeinkommen diejenigen versorgen, die durch Digitalisierung ihren Job verlieren?

Berg Ich stehe dieser Idee vorsichtig gegenüber. Noch ist unklar, ob dann viele Menschen aus dem Berufsleben aussteigen, die wir dringend brauchen. Man sollte dieses Instrument testen und genau analysieren, wie es wirkt.

Das bedeutet?

Berg Es gibt wichtige Tätigkeiten in der Pflege, der Versorgung älterer Menschen oder auch im Erziehungsbereich und Bildungswesen, wo wir mehr und nicht weniger Leute benötigen. Wir sollten eher diese Bereiche ausbauen als Geld fürs Nichtstun zu verteilen.

Brauchen wir eine Digitalsteuer, um das alles zu bezahlen?

Berg Eine Digitalsteuer lehnt der Bitkom ab. Sie würde kleine Unternehmen und Startups viel mehr treffen als die großen internationalen Digitalkonzerne. Eine Digitalsteuer wäre ein Bremsklotz im Aufholrennen von Deutschlands und Europas Digitalwirtschaft.

Man könnte einen Freibetrag für kleinere und mittlere Firmen einführen und so nur die US-Internetgiganten abschöpfen.

Berg Ein Freibetrag würde die negative Wirkung einer solchen Steuer zwar abschwächen, aber ich bleibe skeptisch. Zusätzliche Steuern für die digitale Wirtschaft wären das völlig falsche Signal. Man sollte so wie bisher Gewinne besteuern und gleichzeitig die Schlupflöcher in Steueroasen schließen.

Und zum Schluss noch: Was halten Sie eigentlich von der Datenschutz-Grundverordnung der EU?

Berg Grundsätzlich brauchen wir in einem harmonisierten digitalen Binnenmarkt auch einen gemeinsamen Rahmen für den Datenschutz. Aber die überzogenen Vorschriften überfordern viele Unternehmen. Sie sind massiv verunsichert. Man wollte die großen Konzerne an die Leine legen, getroffen hat man aber den Handwerker um die Ecke und den örtlichen Sportverein. Wir brauchen jetzt schnell Rechtssicherheit und verlässlichen Schutz vor Abmahnungen gerade für kleine Unternehmen, Mittelständler und Vereine.

Reinhard Kowalewsky führte das Gespräch.

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