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Birger Steinbrück: "Ich möchte häufiger Nein sagen"

Birger Steinbrück : "Ich möchte häufiger Nein sagen"

Birger Steinbrück berät für die Düsseldorfer "SK medienconsult" Unternehmen im Wandel. Viel von dem, was der Berater beruflich verkauft, ist auch im Privatleben hilfreich. Wie krempelt man sein Leben um?

Düsseldorf Sein Bruder Peer war 2013 Kanzlerkandidat der SPD. Birger Steinbrück ist zwar weniger bekannt, hat sich in der Branche der Personal- und Kommunikationsberater aber ebenfalls einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Seit 2013 arbeitet er in Düsseldorf und berät Unternehmen im Wandel.

Sie beraten Unternehmen, die sich verändern wollen. Welche Vorsätze haben Sie selbst für das neue Jahr?

Steinbrück Ich habe mir zwei Dinge vorgenommen. Erstens: Keine Neujahrs-Vorsätze mehr. Zweitens: Ich möchte häufiger Nein sagen.

Warum?

Steinbrück Ich mache die Erfahrung: Ein schönes deutsches "Nein" bringt viel mehr als ein "Ja, aber", was ja nur das weichere "Nein" ist. Das mag ich nicht mehr. Seit ich öfter Nein sage, habe ich mehr Aufmerksamkeit. Dann hören die Leute plötzlich zu und wollen die Begründung hören.

Sind Ihre Tipps für Unternehmen im Wandel auch privat anwendbar?

Steinbrück Vorweg: Unsere Beratung unterstützt Unternehmen in Veränderungsprozessen im zentralen Thema "Kommunikation". Solche Prozesse durchlaufen richtigerweise fünf Phasen: Strategie-Entwicklung, kommunikative Vorbereitung und Begleitung, Umsetzung der Veränderungen, Messung der Fortschritte, gegebenenfalls Nachsteuerung. Nun zu Ihrer Frage. Ja, da ist aus meiner Sicht vieles übertragbar. Im Wirtschaftsalltag wird oft von "Change-Prozessen" geredet. Dort wird oft ein englisches Wort verändert, weil wir meinen, kein deutsches zu haben. Privat spricht man eher von "Neuorientierung" oder von "Midlife Crisis" - aber in beiden Fällen geht es um Änderungsbedarf, oft ausgelöst durch eine Krise. Diese Änderung kann man sowohl in einem Unternehmen wie auch privat organisieren - oder eben auch nicht. Wer die Veränderung systematisch anpackt, etwa in dem gerade dargestellten Phasen-Modell, bekommt bessere Ergebnisse.

Was sind Beispiele für private Krisen, für die man einen professionellen Masterplan braucht?

Steinbrück Krankheit, Scheidung, Schulkatastrophen oder Alkoholabhängigkeit zum Beispiel. Der Jobverlust, ein ganz wichtiges Thema. Die Rückwirkung von Arbeitslosigkeit auf die Familie ist oft ein sozialer GAU, der dem ökonomischen GAU folgt. Auch die Furcht vor Arbeitslosigkeit kann bereits krisenhaft sein.

Wie kann ein Familienernährer den Wandel in solch einer Krise managen?

Steinbrück Man muss zunächst die Familie offen darüber informieren, wie die Dinge stehen. Welche Maßnahmen man ergreifen will. Dann muss man gemeinsam eine Zukunftsvision entwickeln. Während dieses Prozesses sollte man Rat einholen. Das hat oft eine beschleunigende Wirkung und ist auch psychologisch sehr wichtig. Auch die Kommunikation im Freundeskreis hilft. Daraus können Netzwerke entstehen, die neue Chancen eröffnen.

Ehrlich währt am längsten. Ist das nicht etwas platt?

Steinbrück Einfache Wahrheiten sind keine schlechten Wahrheiten, nur weil sie einfach sind. Aber zugegeben: Die Umsetzung auch von einfachen Wahrheiten ist manchmal sehr schwer.

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Was ist der größte Fehler?

Steinbrück Die eigene Maske. So zu tun, als wäre alles OK. Das erzeugt unter Umständen Missverständnisse, weil das Umfeld merkt, dass da irgendwas nicht stimmt. Am Ende verliert man erst den Job und dann die Freunde.

Was können Geschiedene von Ihnen lernen?

Steinbrück Wenn die Scheidung da ist, ist es für den Change-Prozess zu spät. Dann muss eine neue Agenda her. Ein neues Ziel. Man muss sich neu definieren. Das ist in der Wirtschaft vielleicht einfacher als im Privatleben: Ein Unternehmen, dem sein wichtigstes Geschäftsfeld wegbricht, verwendet keine Ressourcen auf die Vergangenheit sondern blickt nach vorne. Im Privaten ist das leichter gesagt als getan. Trotzdem muss genau das das Ziel sein. Vielleicht ist die Lösung manchmal auch der Big Bang: Beruf, Stadt, Freundeskreis - einfach alles auf Null. Auf jeden Fall aktiv werden. Lieber ein falsches Ziel verfolgen als gar keines.

Warum verfallen viele Menschen in Krisen in Lethargie?

Steinbrück Menschen gewichten Risiken in aller Regel stärker als Chancen. Das ist eine anthropologische Konstante. Bei Veränderungen fühlen die meisten Menschen sich erstmal bedroht und haben Angst, sich noch weiter zu verschlechtern. Daraus resultiert oft ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen. Aber wer etwas verändern will - ein Unternehmen oder seinen eigenen Alltag - muss sich nunmal bewegen. Sonst passiert nichts. Oder zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts, was die Lage verbessert.

THOMAS REISENER FÜHRTE DAS INTERVIEW

(RP)