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Attendorn: Autozulieferer vertritt Metall-Arbeitgeber

Attendorn : Autozulieferer vertritt Metall-Arbeitgeber

Demnächst verhandelt Arndt G. Kirchhoff mit der IG Metall über höhere Löhne, Altersteilzeit und bessere Weiterbildung. Der in Attendorn lebende 59-Jährige ist der Prototyp eines erfolgreichen Familienunternehmers.

Arndt Kirchhoff steht in seiner Fertigungshalle im sauerländischen Attendorn und blickt konzentriert auf eine riesige Presse. Um ihn herum herrscht Betriebsamkeit, die Lautstärke der arbeitenden Maschinen ist ohrenbetäubend. Doch der hünenhaft große Kirchhoff, Chef des gleichnamigen Automobilzulieferers und seit Juni Präsident des Arbeitgeberverbandes Metall NRW, blickt fast schon meditativ auf das Maschinenungetüm. Mehrere Facharbeiter sind gerade dabei, es zu warten - ein Vorgang, der höchstens alle drei Jahre nötig ist. Was Laien allenfalls im Vorbeigehen mit einem flüchtigen Blick würdigen würden, ist für den versierten Techniker - Kirchhoff studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau - höchst spannend.

Dabei ist die riesige Presse nur ein kleines Zahnrad im Kirchhoff-Konzern: 10 500 Beschäftigte, 43 Standorte in 16 Ländern, dazu ein Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro - die Kirchhoffgruppe, die sich zwar selbst als Familienunternehmen versteht, gehört zu den großen Automobilzulieferern Deutschlands. Neben Ford zählen General Motors, VW, BMW, Porsche und vielen weitere Autobauer zu Kirchhoffs Kundenstamm. Darüber hinaus stellt die Gruppe Werkzeuge her, baut Reinigungs- und Müllfahrzeuge und rüstet Autos behindertengerecht um.

Kirchhoff schlendert locker durch die Produktionshallen, geht vorbei an einem orangenen Roboterarm, der gerade Bauteile für den neuen Ford Mondeo zum Schweißen in Position bringt. Der Chef macht bei zwei Mitarbeitern halt, schüttelt ihnen die Hand, erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei. Kirchhoffs Lockerheit wirkt dabei nicht aufgesetzt, nicht wie eine Show für die Journalisten, denen er an diesem Vormittag Einblicke in sein Reich gewährt. Das zeigt allein schon die Reaktion der Mitarbeiter: Von Anspannung im Angesicht des mächtigen Chefs keine Spur; respekt-, aber auch humorvoll wirkt der Umgang. Dazu passt, dass sich Kirchhoff mit seinen Abteilungsleitern duzt.

Ohnehin ist der 59-Jährige ein Mensch von fröhlichem Naturell. Seine Zuhörer hält der Schnellsprecher gern mit launigen Sprüchen bei der Stange, witzelt darüber, dass die "Laser, nicht nur in der Disco gut sind", sondern sich auch hervorragend für das Löten von Metall-Bauteilen eignen.

Kirchhoff hat auch allen Grund zum Fröhlichsein: Während das Ruhrgebiet noch unter den Spätfolgen des Strukturwandels ächzt, ist in Attendorn - nur einen Steinwurf vom idyllischen Bigge-See entfernt - die Arbeitswelt noch in Ordnung. Im südlichen Sauerland herrscht Vollbeschäftigung. In der drittgrößten Industrieregion Deutschlands spielen neben den Automobilzulieferern vor allem mittelständische Familienbetriebe für Elektrotechnik und Sanitäres eine Rolle.

Das passt zu seiner neuen Rolle an der Spitze von Metall NRW. Während in Baden-Württemberg vor allem die großen Industriebetriebe den Ton angeben, sind in NRW die Mittelständler in der Mehrheit. Dass die neue Aufgabe keine leichte wir, dürfte Kirchhoff klar sein. 26 Verbandsvorsitzende wachen mit Argusaugen über Einfluss und Besitzstände. So mancher Regionalfürst soll genervt mit den Augen rollen, wenn "die da aus Düsseldorf" schon wieder ein Anliegen haben. Tarifabschlüsse werden erst dann wirksam, wenn die Verbandsvorsitzenden zugestimmt haben.

Doch mit Verbandsarbeit kennt sich Kirchhoff aus. Die Liste seiner Ehrenämter ist lang: Vizepräsident des Verbands der Automobilindustrie, Vizepräsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Vizepräsident Gesamtmetall, Mitglied des Präsidiums im Bundesverband der Deutschen Industrie - und das sind nur einige seiner Posten. Verständlich also, dass Kirchhoff auf die Frage, ob er sich langfristig auch das Präsidentenamt beim Arbeitgeberverband Unternehmer NRW vorstellen könne, sagt: "Vorstellen kann ich mir vieles, aber sollte ich etwas Neues anfangen, müsste ich dafür ein anderes Amt abgeben." Er übernehme überdies nur Aufgaben, die am Ende auch seinem Unternehmen dienen. "Alles andere wäre unverantwortlich."

Seine erste Feuerprobe steht ihm mit den anstehenden Tarifverhandlungen bevor. Diese dürften sich äußerst schwierig gestalten, hat die IG Metall - anders als mit den Arbeitgebern verabredet - das Thema "altersgerechte Arbeitszeit" auf die Agenda gehoben. Die Gewerkschaft fordert eine sogenannte Bildungsteilzeit. "Die deutsche Industrie gibt schon relativ viel für Bildung aus", sagt Kirchhoff. Es sei zwar richtig, langfristig über Arbeitszeitmodelle zu sprechen. "Wichtig ist aber, dass die Unternehmer bei den Kosten nicht überfordert werden."

(RP)