Bonn: Atomwende erzwingt Netzausbau

Bonn : Atomwende erzwingt Netzausbau

Deutschland braucht einen schnellen Ausbau von Hochspannungs-Stromleitungen. Nur so lässt sich der teilweise Ausstieg aus der Atomenergie und der Ausbau regenerativer Energien bewältigen. Dies erklärte gestern Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur, in Bonn. Seiner Rechnung nach müssten rasch 3000 Kilometer an Leitungen gelegt werden – vorrangig als Trassen zur Anbindung von großen Windparks an der Nordsee.

Kurth dämpfte Sorgen, dass das erfolgte Abschalten von sieben Kernkraftwerken zu Zusammenbrüchen des Netzes führen würde. Die Bonner Behörde sei in engem Kontakt mit den vier Netzfirmen und vertraue auf deren Sachverstand: "Die Netzbetreiber sind in der Lage, die zunehmenden Stresssituationen zu bewältigen."

Kurth widersprach der Aussage der Stromkonzerne, dass der stärkere Einsatz von Wind- und Solarenergie automatisch zu höheren Strompreisen führt. Tatsächlich würde die zunehmende Menge an Strom aus erneuerbaren Energien "sinkende Großhandelspreise" bewirken, weil "teurere Kraftwerke aus dem Markt gedrängt werden." Verbraucher sollten zu Stromanbietern wechseln, die günstige Einkaufspreise weitergeben. Auch der Stillstand von Kernkraftwerken habe nicht zu Preissprüngen geführt: Der Terminpreis für Stromlieferungen im Jahr 2012 sei nur von 53 Euro pro Megawattstunde auf 60 Euro gestiegen – 2008 seien es noch 90 Euro gewesen. Kurth plädierte dafür, das umstrittene Kohlekraftwerk Datteln 4 in Betrieb zu nehmen, da dieses soviel Strom wie ein Kernkraftwerk liefere.

Für den Netzausbau schlug Kurth vor, in einem "Bundesnetzplan" die gebrauchten Kapazitäten nach der künftigen Energiepolitik festzulegen. Die Bundesnetzagentur geht in Vorleistung: Kurth handelte mit Norwegen aus, dass dahin eine sehr leistungsfähige Stromleitung von Deutschland kommt. Wenn die deutschen Windparks künftig zeitweise überschüssigen Strom herstellen, soll dieser dazu dienen, Stauseen im Norden mit Wasser voll zu pumpen. Wenn das Wasser später wieder abgelassen wird, produzieren die Turbinen genau dann Strom, wenn er hier nötig ist.

(RP)
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