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Athener Börsen-Gewitter erschüttert Griechenland

Ein Börsen-Gewitter erschüttert Athen

Fünf Wochen lang mussten die Wertpapierhändler in Athen Däumchen drehen - der Börsenhandel war ausgesetzt. Als er am Montag wieder aufgenommen wurde, stürzten die Kurse ins Bodenlose. Nach der 25 Handelstage langen Zwangspause warfen die Anleger griechische Aktien in hohem Bogen aus ihren Depots. Die Börse erlebte den schwärzesten Handelstag ihrer jüngeren Geschichte. Binnen weniger Minuten nach Handelsbeginn verlor der Leitindex ASE rund 23 Prozent. Der Kurssturz übertraf zunächst die Befürchtungen der meisten Börsenbeobachter, die mit einem Minus von 15 bis 20 Prozent gerechnet hatten. Im Handelsverlauf erholte sich der Index ein wenig und lag am Nachmittag mit knapp 16 Prozent im Minus.

Die starken Kursverluste spiegeln die Sorge der Anleger über die wirtschaftliche und politische Zukunft des Krisenlandes: Nach einer Rückkehr zum Wachstum im vergangenen Jahr ist Griechenland seit dem Wahlsieg des radikalen Linksbündnisses Syriza Ende Januar wieder in die Rezession zurückgefallen, und die Zukunft der Griechen im Euro ist alles andere als gesichert.

Wie die griechischen Banken hatte die Athener Börse am 29. Juni schließen müssen. Nachdem Premierminister Alexis Tsipras überraschend für Anfang Juli eine Volksabstimmung über die Spar- und Reformvorschläge der Geldgeber Griechenlands angekündigt hatte, setzte ein Sturm auf die Bankautomaten im Land ein. Um den drohenden Zusammenbruch des Bankensystems abzuwenden, ordnete die Regierung die Schließung der Geldinstitute und Kapitalkontrollen an. Seither dürfen die Griechen pro Tag maximal 60 Euro von ihren Konten abheben, Auslandsüberweisungen sind praktisch untersagt.

Von einem normalen Börsenhandel ist man in Athen noch weit entfernt. Anleger, die ihr Geld bei griechischen Banken haben, können wegen der Kapitalkontrollen für Aktienkäufe nicht auf ihre Guthaben zugreifen. Sie dürfen bis auf weiteres nur Wertpapiere kaufen, wenn sie Geld aus dem Ausland bringen oder Bargeld anlegen. Für Ausländer gelten keine Beschränkungen - aber die sind ohnehin nicht in Kauflaune.

Vor allem Bankaktien, auf die etwa ein Fünftel der Börsenkapitalisierung an der Athens Stock Exchange entfällt, gingen gestern in die Knie. Die Papiere der Alpha Bank und der Eurobank verloren je 28 Prozent, Piraeusbank und National Bank of Greece verzeichneten Kursverluste von 30 Prozent. Diese vier systemrelevanten Banken sollen voraussichtlich im Herbst mit Geldern aus dem geplanten dritten Rettungspaket rekapitalisiert werden. Die Altaktionäre fürchten eine Verwässerung ihrer Anteile. Auch die Konjunkturaussichten machen keinen Appetit auf griechische Aktien. Nachdem die EU-Kommission noch im vergangenen Herbst Griechenland für dieses Jahr ein Wachstum von 2,9 Prozent vorhersagte, erwarten Volkswirte nun einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um zwei bis vier Prozent.

Schlechte Konjunkturerwartungen, die Banken in einer prekären Lage - die Aussichten sind düster. Vor dem Hintergrund solcher Zahlen erscheint eine schnelle Einigung mit den Geldgebern nötiger denn je. Die linksgerichtete Regierung von Ministerpräsident Tsipras braucht dingend frisches Geld. Bereits am 20. August muss sie rund 3,2 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank zurückzahlen. Wenn Griechenland das nicht gelingt, droht die Staatspleite. Also sollen die politische Entscheidungen durchgepeitscht werden. Eine Einigung mit den Gläubigern soll bis Mitte des Monats stehen, das Parlament in Athen soll am 18. August zustimmen. Dabei dürfte der Premier erneut auf die Stimmen der Opposition angewiesen sein. Denn der linke Flügel der Syriza hat zuletzt zweimal gegen Reformmaßnahmen gestimmt.

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Mittlerweile steht auch Tsipras wegen des vermeintlichen Grexit-Plans und des geplanten Hacker-Angriffs auf die eigenen Steuerbehörden im Blickpunkt. Denn der Premier hat zugegeben, dass er hinter diesen Plänen stand, deretwegen Ex-Finanzminister Giannis Varoufakis eine Anklage wegen Verrats droht. "Selbstverständlich gab ich den Befehl, es war ein persönlicher Befehl an Herrn Varoufakis, eine Spezialeinheit zu bilden, um das Land zu verteidigen in einem Notfall", hat Tsipras gesagt. Was das für seine Zukunft heißen mag?

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(RP)