Zum Tag der Arbeit: Das verlorene Paradies

Tag der Arbeit: Das verlorene Paradies

Ohne Arbeit ist unsere Zivilisation unvorstellbar. Der Mensch hat versucht, sich von ihr zu befreien; er hat sich von ihr aber auch die Erlösung versprochen. Das ist uns heute gottlob fremd. Utopien allerdings haben wir nötiger denn je.

Im Anfang war die Arbeit. Gottvater selbst ist, so erzählt die Bibel, der erste Werktätige. Die erste Arbeitswoche dauert sechs Tage; es folgt der erste arbeitsfreie Sonntag. Die Zustände unmittelbar danach sind buchstäblich paradiesisch: Adam und Eva leben in einem großen Garten, den sie "bebauen und hüten" sollen. Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm freilich hat spitz bemerkt, das sei wohl kaum mehr als "leichte Hobbygärtnerei" gewesen — die köstlichen Früchte wachsen ja von ganz allein.

Mit alldem aber ist es bald vorbei. Adam und Eva kosten vom verbotenen Baum der Erkenntnis, werden ertappt und von Gott mit den Worten des Paradieses verwiesen: "So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden." Die Erfindung der Arbeit als Plackerei.

Fortan ist Arbeit für den Menschen ein notwendiges Übel. Der Mensch ist schlechterdings nicht vorstellbar ohne Arbeit, ohne sein Leiden an ihr und ohne sein Bestreben, sich von ihr zu befreien. Die antiken Philosophen gehen da mit der Bibel durchaus konform. Für Aristoteles etwa lenkt Arbeit nur vom vollkommenen Leben ab. Die armen Teufel, die sich plagen, um nicht zu verhungern, sind die Banausen — wörtlich: Ofenarbeiter. Vollkommenes Leben, das ist Arbeitslosigkeit im besten Sinne, nicht angewiesen zu sein auf täglichen Broterwerb: Muße zu haben, seinen Verstand zu gebrauchen, um die Welt zu betrachten und weise zu werden.

Diese Muße, die nicht mit Faulenzen zu verwechseln ist, nennen die Römer "otium"; nötige tägliche Erledigungen sind "neg-otium", "Nicht-Muße": die Geschäfte. "Freisetzung" hätte zum Beispiel Cicero nie (wie wir) als Euphemismus für "Entlassung" verstanden, sondern als Synonym. "Fern von den Geschäften" zu sein, davon träumt der Dichter Horaz. Wahr ist freilich auch, dass sich diese Freiheit nur leisten kann, wer einen Haufen Geld hat und wessen Bedienstete sich für ihn schinden.

"Sie säen nicht, sie ernten nicht"

Noch ein gutes Stück weiter geht ein jüdischer Wanderprediger aus Galiläa, der ebenso wie seine Jünger ironischerweise Arbeiter ist. Dennoch enthält die Bergpredigt des Jesus von Nazareth die Warnung: "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?" Was Griechen und Römer noch den Sklaven überließen, das soll der Christ Gott anheimstellen. Lebensunterhalt? Zweitrangig. "Euch muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben."

So viel Weltverachtung birgt den Keim der Revolution, und deswegen hat die Kirche alle Hände voll zu tun, Jesus so zu interpretieren, dass die christliche Arbeitszucht nicht zusammenbricht. "Bete und arbeite" ist die Maxime des abendländischen Mönchtums. Und Thomas von Aquin stellt fest: "Alle Klassen und Stände sind zur Arbeit verpflichtet wie jeder einzelne." Wie es in der Natur des Vogels liege zu fliegen, so liege es in der Natur des Menschen zu arbeiten. So viel zur Bergpredigt. Die calvinistische Ethik schließlich treibt es auf die Spitze: Der Mensch kann nur anhand seines Erfolgs auf Erden feststellen, ob er erlöst oder von Gott verworfen ist. Und Erfolg setzt — ja, richtig — harte Arbeit voraus.

Auf dieser Mentalität kann der Kapitalismus bestens aufsatteln — das 19. Jahrhundert verliert in Sachen Arbeit jedes Maß. Arbeitszeiten von 80 Stunden pro Woche sind um 1825 keine Ausnahme, sondern Durchschnitt. Zugleich singen Sozialisten und Unternehmer in seltsamer Einigkeit das Hohelied der Arbeit. "Die Müßiggänger schiebt beiseite!", heißt es in der "Internationalen", und der Berliner Unternehmer Heinrich Seidel dichtet um 1900: "Völker! Lasst das Murren, Klagen / über Götzendienerei; / wollt ihr einen Götzen schlagen, / schlagt den Müßiggang entzwei! / Nur die Arbeit kann erretten, / nur die Arbeit sprengt die Ketten, / Arbeit macht die Völker frei!" Arbeit als Mittel, Ziel und Lebenszweck.

Wollte die Antike frei sein von Arbeit, so will man nun frei sein durch Arbeit. Ein halbes Jahrhundert später dient die Arbeit nicht mehr der humanistischen Erbauung, sondern dem Massenmord. Millionen schuften sich in Stalins Lagern zu Tode; Vernichtung durch Arbeit praktizieren Hitlers KZs. Die Nazis schreiben über das Tor von Auschwitz sogar "Arbeit macht frei" — der Zynismus der Henker, gewiss; aber auch fernes Echo der Arbeitsvergötterung der Industriellen Revolution. "Aus dem modernen Mythos des schließlich für spezifisch deutsch gehaltenen Arbeitsgeistes erwuchs eine der Vernichtungsstrategien des Völkermords", resümiert der Ethnologe Wolfgang Brückner.

Wer heute in der Bundesrepublik "Arbeit macht frei" sagt, muss mit einer Anzeige wegen Volksverhetzung rechnen. Und auch die Exzesse des frühen Kapitalismus sind unvorstellbar. Mehr noch: Wir sind heute so nahe am verlorenen Paradies wie seit Jahrhunderten nicht. Das mag absurd klingen angesichts der Sorge vor Burn-out und der Klagen über ständige Erreichbarkeit, aber es stimmt: Die durchschnittliche Arbeitszeit ist seit Kriegsende um etwa ein Viertel gesunken.

Die große Mehrheit der Zeitgenossen ist aus der Geschichte zumindest so weit klug geworden, dass sie die Erlösung nicht mehr von politischen Umstürzen erwartet. Und unser Wohlstand ist so weit gewachsen, dass wir es uns sogar leisten können, wieder über ein Stück Utopie zu debattieren, über eine finanzielle Revolution. Bedingungsloses Grundeinkommen heißt das und geht so: Der Staat zahlt jedem Bürger monatlich einen festen Betrag, ob er nun arbeitet oder nicht. Im Gegenzug entfallen andere Sozialleistungen. In Finnland wird damit experimentiert, die Schweizer haben es 2016 abgelehnt. Der sozialistische Politiker Benoît Hamon zog in diesem Frühjahr mit der Idee eines Grundeinkommens von 750 Euro in den Präsidentschaftswahlkampf. Er scheiterte krachend.

Gegen das Grundeinkommen sprechen nicht nur seine monströsen Kosten. Das Konzept fußt auch auf einem falschen Menschenbild: Die Masse der Bürger erhofft sich ein Leben mit und in Arbeit, nicht ohne Arbeit. Deutschland ist eben nicht der "kollektive Freizeitpark", über den Helmut Kohl einst spottete. Das Recht auf Arbeit steht in der Erklärung der Menschenrechte der Uno. Arbeitslosigkeit ist für Millionen nicht erstrebenswerter Mußezustand, sondern Schreckbild. "Die wachsende Zahl der Arbeitslosen wird auf eine Freiheit verwiesen, auf die sie gar nicht vorbereitet ist", schrieb 2004 der Historiker Eberhard Straub. Seit einem Jahrzehnt sinken die Zahlen endlich wieder; es gibt mehr Arbeit(splätze), und das wird allgemein als Segen empfunden.

"Niemand sollte jemals arbeiten"

Radikale gibt es natürlich immer noch. Etwa den anarchistischen Anwalt Bob Black aus San Francisco, dessen Werk "Die Abschaffung der Arbeit" von 1985 mit dem schönen Satz beginnt: "Niemand sollte jemals arbeiten." Nun weiß auch Black, dass ohne Arbeit die Menschheit schnell verhungern würde; dass man also weiter "Dinge tun" muss, wie er es nennt. Arbeit versteht er auch eher wie der erboste Gottvater: als staubige Strapaze. Black will eine "ludische Revolution", "ein auf Spielen gegründetes Leben". Ein bisschen wie die Kommunisten, die von einem Zustand träumten, in dem jeder die Arbeit verrichtet, die ihm gerade am meisten gerecht wird. Das ist natürlich weltfremd. So weltfremd wie die Bergpredigt.

Es gibt übrigens einen Bibeltext, viel weniger bekannt als die Schöpfungsgeschichte, einen Abschnitt aus dem Buch der Sprichwörter, der unseren irdischen Verdruss etwas lindern mag. Darin redet die Weisheit selbst: "In frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als er den Himmel baute, war ich dabei." Und dann folgen zwei bemerkenswerte Sätze: "Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein." Während der Schöpfung wurde also nicht nur gearbeitet, sondern gespielt. Ob Bob Black das weiß? Aus dieser Vereinigung der Gegensätze lässt sich lernen: Es gibt nicht nur Erfüllung oder Mühsal, Freiheit oder Zwang. Zur Arbeit gehört beides. Zu ihr gehören auch Grenzen — objektiv wie subjektiv, zeitliches Maß und innere Unabhängigkeit.

Das verlorene Paradies bekommen wir nicht zurück. An das verlorene Paradies zu erinnern, muss aber nicht nur erlaubt, es kann auch sehr nützlich sein.

(fvo)