Debatte zur Pendlerpauschale Spitzenverdiener machen bei Steuer am meisten Kilometer geltend

Berlin · Geringverdiener haben mit 32 Kilometer im Schnitt den längsten Arbeitsweg, doch von einer Erhöhung der Kilometerpauschale würden Spitzenverdiener am meisten profitieren. Die Grünen fordern deshalb ein einkommensunabhängiges Mobilitätsgeld.

 Eine Frau macht ihre Steuererklärung. (Symbolfoto)

Eine Frau macht ihre Steuererklärung. (Symbolfoto)

Foto: Getty Images/iStockphoto/Chainarong Prasertthai

Neue Zahlen der Statistiker befeuern die Debatte über die Pendlerpauschale für Arbeitnehmer. Geringverdiener machen bei der Steuer mit 32 Kilometern zwar den längsten Arbeitsweg geltend, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Doch von einer Erhöhung der Entfernungspauschale, wie sie Finanzminister Christian Lindner ins Gespräch brachte, würden Spitzenverdiener weitaus stärker profitieren - denn sie arbeiten mehr Tage und fahren insgesamt die meisten Kilometer. Das zeigen weitere Zahlen, die die Statistikbehörde auf Reuters-Anfrage zur Verfügung stellte. „Wenn wir die Pendlerpauschale einfach erhöhen, führt dies bei hohen Einkommen zu einer höheren Steuerentlastung als bei geringen Einkommen“, sagte Grünen-Politiker Sascha Müller zu Reuters. „Als Instrument des gezielten sozialen Ausgleichs ist die Pendlerpauschale also nicht geeignet.“

Was ist die Entfernungspauschale?

Beschäftigte können damit - unabhängig vom Verkehrsmittel - die einfachen Entfernungskilometer vom Wohnort zur Arbeitsstätte bei der Steuer geltend machen. Das sind 30 Cent pro Kilometer, ab dem 21. Kilometer 38 Cent. Sie verringern in dieser Höhe das Einkommen, das sie versteuern müssen - sofern der geltend gemachte Betrag den inzwischen auf 1200 Euro jährlich angehobenen Arbeitnehmer-Pauschbetrag übersteigt.

Das bedeutet: Wer mehr verdient, hat einen höheren Steuersatz - und damit auch eine höhere Entlastung durch jeden Euro, den die Person bei der Steuer geltend macht. Wer keine Steuern zahlt, wird durch die Pauschale auch nicht entlastet. 2021 schlug die Pauschale beim Fiskus laut Finanzministerium mit Mindereinnahmen von rund 5,5 Milliarden Euro zu Buche.

Was sagt die Statistik?

Daraus geht hervor, dass die höheren Einkommen nicht nur aufgrund ihres höheren Steuertarifs von der Entfernungspauschale profitieren - sondern dass sie auf das ganze Jahr gesehen auch mehr Kilometer geltend machen als Geringverdiener. Laut Destatis gab es 2018 rund 242.700 Beschäftigte mit einem Jahresbruttolohn von weniger als 10.000 Euro, die im Durchschnitt einen Arbeitsweg von 32 Kilometer zurücklegten - und das an 122 Arbeitstagen, sodass sie durchschnittlich 986 Euro als Entfernungspauschale geltend machten. Auf die höchste Summe kamen mit 1768 Euro im Durchschnitt aber Einkommen zwischen 100.000 und 200.000 Euro: Sie legten im Schnitt 28 Kilometer zurück, aber an 211 Arbeitstagen.

Was will die Ampel-Koalition?

„Längsten Arbeitsweg haben Pendler mit geringem Einkommen und Personen in Kleinstädten. Erhöhung Pendlerpauschale würde diesen helfen, wäre gute Entlastung“, twitterte Finanz-Staatssekretärin Katja Hessel. Lindner hatte sich offen gezeigt, „die Pendlerpauschale ab 2023 deutlich zu erhöhen - ab dem 1. Kilometer und nicht nur für Fernpendler“. Eine Erhöhung auf 38 Cent ab dem ersten Kilometer würde laut Finanzministerium die Pendler um etwa 1,25 Milliarden Euro zusätzlich entlasten.

Geringverdiener bis 10.000 Euro Jahresbrutto mit dem längsten Arbeitsweg zahlen aber keine Steuern, der Grundfreibetrag wurde gerade erst auf 10.347 Euro angehoben. Auf Nachfrage verweist Hessel auf die Mobilitätsprämie. Diese war 2021 eingeführt worden, noch von der Großen Koalition, um bei der Einführung der CO2-Bepreisung auf Sprit auch Pendler zu entlasten, die keine Steuern zahlen. Sie können sich unter bestimmten Bedingungen eine Steuervergütung auszahlen lassen - wenn ihr Arbeitsweg mindestens 21 Kilometer lang ist.

Die Mobilitätsprämie ist wie die ab dem 21. Kilometer erhöhte Entfernungspauschale bis 2026 befristet. Das Finanzministerium schätzte bei der Einführung, dass etwa 250.000 Pendler dadurch entlastet werden könnten.

Die Spitzen der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP vereinbarten im Februar: „Die Bundesregierung strebt noch in dieser Legislaturperiode eine Neuordnung der Pendlerpauschale an, die ökologisch-soziale Belange der Mobilität besser berücksichtigt.“ Dies war ein Zugeständnis an die Grünen, die im Gegenzug einer vorgezogenen Anhebung der Pauschale und der Mobilitätsprämie ab dem 21. Kilometer zustimmten.

„Wir wollen die Entfernungspauschale umwandeln in ein Mobilitätsgeld, das unabhängig vom Einkommen gezahlt wird“, sagte Grünen-Politiker Müller zu Reuters. „Unser Ziel ist es, baldmöglichst ein Konzept vorschlagen zu können.“

(Reuters)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort