Noch 33.000 offene Stellen Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber in NRW

Düsseldorf · 27.000 junge Menschen suchen derzeit noch nach einem Ausbildungsplatz in Nordrhein-Westfalen – und haben gute Chancen: Bislang sind nämlich 33.000 Stellen unbesetzt geblieben. Wie könnte man mehr Schulabgänger dafür begeistern?

 27.000 Bewerber auf 33.000 offene Ausbildungsplätze – der demografische Wandel ist in NRW spürbar.

27.000 Bewerber auf 33.000 offene Ausbildungsplätze – der demografische Wandel ist in NRW spürbar.

Foto: dpa/Martin Schutt

Schlechte Nachrichten für Arbeitgeber: Der demografische Wandel und der stetige Geburtenrückgang wirken sich immer stärker auf den Ausbildungsmarkt in NRW aus. Es verlassen nicht nur jedes Jahr weniger junge Menschen die Schulen – es gibt auch immer weniger Bewerber auf Lehrstellen. Während 2022 noch rund 102.000 Schulabgänger eine Ausbildung machen wollten, lag die Zahl 2023 nur noch bei knapp 100.000 – und das bei 109.000 zu vergebenen Plätzen. Inzwischen kann man also eindeutig von einem Bewerbermarkt sprechen. Vor der Pandemie, im August 2019, gab es noch 107 Bewerber auf 100 gemeldete Lehrstellen, heute sind es 94 auf 100.

Betrachtet man aber einzelne Regionen innerhalb des Bundeslands, herrschen in zwei Gegenden noch Vor-Corona-Zustände: Im Ruhrgebiet kamen auf 100 Bewerber 93 Ausbildungsangebote, im Bergischen Land ergibt sich ein ähnliches Bild mit 100 Bewerbern auf 96 offene Stellen. Dagegen sind es in Südwestfalen 161 Plätze auf 100 Suchende, im Rheinland 105 auf 100 und in Ostwestfalen-Lippe 109 auf 100 Plätze. Besonders häufig werden Kaufmänner und -frauen im Einzelhandel, Verkäuferinnen und Verkäufer sowie Kaufmänner und -frauen für Büromanagement gesucht.

Traditionell starten die meisten Ausbildungen am 1. August oder am 1. September. Doch sowohl die Zahl der unversorgten Bewerber als auch die der unbesetzten Ausbildungsplätze sind hoch: Rund 27.000 junge Menschen suchen noch, knapp 33.000 Stellen sind offen. Es verlangt immer mehr Engagement von Ausbilderinnen und Ausbildern, um junge Menschen für eine berufliche Ausbildung zu gewinnen. „Eine Alternative gibt es aufgrund der anstehenden demografischen Entwicklung nicht“, sagte Roland Schüßler, Chef der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. Deshalb müssten ihm zufolge alle jungen Menschen, die sich für eine Lehre interessierten, auch die Chance dazu bekommen. Eine Möglichkeit wäre es, auch diejenigen einzustellen, die mit ihrer Bewerbung zunächst nicht überzeugen konnten.

Auf lange Sicht ist es aber notwendig, mehr potenziellen Azubis eine Lehre schmackhaft zu machen. Wie könnte das aussehen? Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), hat mehrere Ideen: Er plädiert dafür, die Berufsvorbereitung an Schulen zu intensivieren, während der Schullaufbahn häufiger Praktika anzubieten und vor allem besser zu betreuen. „Wir müssen je nach Schulform schauen, was das Beste ist. Auf dem Gymnasium wäre es sinnvoll, noch einmal ein längeres Praktikum anzubieten, sobald das Abitur näher rückt“, sagte er unserer Redaktion. Ein zweiwöchiges Praktikum in der zehnten Klasse reiche nicht aus. Viele Jugendliche seien auch unsicher, was ihnen wirklich liege; sie machten nach dem Schulabschluss erst einmal gar nichts. In diesen Fällen müssten sie die Schulen und Berufsberater laut Fitzenberger darin bestärken, einfach mal etwas auszuprobieren und dann zu schauen, wie es ihnen gefällt. Es sei keine Schande, eine Ausbildung abzubrechen, wenn es eben nicht passe: „Es kommt auch häufig vor, dass die Berufswünsche der jungen Menschen nicht mit dem Angebot auf dem Ausbildungsmarkt übereinstimmen. Dann ist die Wunsch-Lehre vielleicht nicht mehr verfügbar, weil ausgerechnet sie so beliebt ist“, sagt Fitzenberger. Er rät dazu, den potenziellen Azubis in so einem Fall alternative Berufe vorzuschlagen – mit ähnlichen Voraussetzungen und Arbeitsinhalten. Schließlich seien ihnen viele Jobs wahrscheinlich gar nicht bekannt, obwohl sie gut zu ihnen passen würden. Und zu guter Letzt helfe es auch, wenn sich die Betriebe in einigen Punkten anpassten, attraktivere Angebote für Auszubildende schafften wie eine Vier-Tage-Woche oder Fortbildungen. Ganz nach dem Motto: Die Unternehmen bewerben sich jetzt bei den Azubis – und nicht umgekehrt.

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