Analyse des Arbeitsmarkts: Junge Bewerber können sich Jobs aussuchen

Analyse des Arbeitsmarkts: Junge Bewerber können sich die Jobs aussuchen

Die Zahl der Erwerbslosen ist 2018 auf den niedrigsten Stand seit der Einheit gesunken – und es wird so weitergehen, trotz schwächerer Konjunktur. Die Angst vor einem Jobverlust sollte vor allem für Jüngere passé sein.  

Jonas (19) ist kein Überflieger. Nach dem Abitur im Sommer mit der ordentlichen Note 2,4 ist er erst einmal für sechs Monate nach Südamerika gereist, Freunde besuchen. Kurz vor seiner Abreise hat er noch schnell zwei Bewerbungen für ein duales Studium, eine Kombination aus Lehre und Studium, an zwei bekannte Unternehmen losgeschickt. Beide konnten es gar nicht abwarten, bis Jonas ein halbes Jahr später wieder zurück in Deutschland gewesen wäre. Sie baten den jungen Mann, kurzfristig per Video-Kommunikation für Bewerbungsgespräche zur Verfügung zu stehen. Zusagen von beiden Firmen hatte Jonas auf der anderen Seite des Atlantiks sofort in der Tasche. Er entschied sich für die größere.

Wie Jonas geht es zurzeit vielen Schulabgängern: Die Unternehmen reißen sich um sie. Die meisten Firmen haben ihre Anstrengungen ausgeweitet, vielversprechende junge Menschen so früh wie möglich an sich zu binden. Manches Unternehmen bietet Ausbildungsverträge mit einer anschließenden Beschäftigungsgarantie an, viele bezahlen übertarifliche Zulagen schon an Azubis. Die Zeiten, in denen junge Menschen Hunderte Bewerbungen schreiben mussten, um einen Ausbildungsplatz zu finden, sind längst vorbei – dabei ist der Höhepunkt der demografischen Wende noch längst nicht erreicht. Erst in etwa zehn Jahren werden Hunderttausende aus den geburtenstarken 1960-er Jahrgängen in Rente gehen.

Dann dürfte das Phänomen Arbeitslosigkeit endgültig zu einem Relikt des letzten Jahrhunderts geworden sein. Die Angst, arbeitslos zu werden – schon jetzt rangiert sie in Umfragen über die größten Ängste der Deutschen hinten. Wer eine Berufsausbildung hat oder als Unqualifizierter anpassungsbereit ist, hat auf dem Arbeitsmarkt geringe Probleme, eine Anstellung zu finden. Im Jahr 2018 gab es ein Allzeithoch bei der Beschäftigung von 45,22 Millionen, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Die Zahl der Arbeitslosen lang im Jahresdurchschnitt mit 2,34 Millionen wieder auf dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung, meldete die Bundesagentur für Arbeit am Freitag. Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist so stark, dass zunehmend auch Langzeitarbeitslose bessere Chancen haben, wieder in einen Job zu kommen. Ihre Zahl war im Dezember um mehr als 240.000 geringer als ein Jahr zuvor – trotz des Zuzugs von Hunderttausenden Ausländern 2015 und 2016.

„Das Phänomen einer sich verfestigenden Sockelarbeitslosigkeit gibt es auch in umgekehrter Richtung: Eine sehr geringe Arbeitslosigkeit kann sich auch verfestigen. Das erleben wir seit einigen Jahren in Deutschland“, sagt Andreas Scheuerle, Ökonom bei der Dekabank in Frankfurt. Gründe dafür sieht er in den Arbeitsmarktreformen der 2000-er Jahre, dem seit fast zehn Jahren andauernden Konjunkturaufschwung, aber auch im schon eintretenden demografischen Wandel.

„Die Fachkräfteengpässe sind das zentrale Thema für die Unternehmen im Jahr 2019. Viele sichern sich prophylaktisch schon jetzt Fachkräfte, die sie erst in künftigen Jahren brauchen werden. Viele Betriebe meinen: Wenn sie jetzt nicht die Fachkräfte für die Zukunft finden, dann finden sie sie nicht mehr“, berichtet Andrea Hammermann vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Es hatte zum Jahresende 48 Wirtschaftsverbände nach ihren Prognosen für das gerade beginnende Jahr gefragt. Ergebnis: Nichts sorgt die Unternehmen heute schon so sehr wie die Frage, wie sie in künftigen Jahren ihre Beschäftigten rekrutieren.

Der Aufschwung soll zwar noch mindestens bis Ende 2020 anhalten, aber er wird jetzt schon spürbar schwächer. Dem Arbeitsmarkt wird das allerdings wenig ausmachen: Die Beschäftigung wird weiter zunehmen, wenn auch in geringerem Tempo als bisher. Normalerweise würde der Arbeitsmarkt der Konjunktur mit einem zeitlichen Abstand von ein bis zwei Jahren folgen. Sprich: Im nächsten Abschwung würde die Arbeitslosigkeit normalerweise wieder nennenswert steigen. Doch dieser gewohnte Ablauf wird sich künftig kaum wiederholen: „Selbst wenn wir nach 2020 einen starken Abschwung hätten, würde die Zahl der Arbeitslosen nicht mehr so stark zunehmen wie früher in solchen Phasen“, sagt Scheuerle. Zum einen, weil die Unternehmen das Instrument der Kurzarbeit in Schwächeperioden intensiver nutzten. „Zudem werden sich Konjunktur und Beschäftigung wegen der demografischen Entwicklung ein Stück weit entkoppeln“, sagt der Ökonom.

Für Menschen mit Berufsausbildung heißt das, dass sie vor Arbeitslosigkeit keine Angst haben müsten – trotz der Digitalisierung. Zwar wird diese nach allen gängigen Prognosen tatsächlich viele Tätigkeiten obsolet machen. Doch werden gleichzeitig neue Tätigkeiten und Produkte entstehen und geschaffen. Selbst gering Qualifizierte dürften aus IW-Sicht künftig am Arbeitsmarkt wachsende Chancen haben. „Wir können nicht feststellen, dass gering Qualifizierte in Zukunft nicht mehr gebraucht werden. Auch bei den einfachen Tätigkeiten wird der Arbeitskräftebedarf hoch bleiben“, sagt IW-Expertin Hammermann. Allerdings, mahnt Alexander Spermann von der Kölner Hochschule für Berufstätige (FOM), müssten der Staat und die Unternehmen die Beschäftigten massiv mit Fortbildungen und Umschulungen unterstützen, damit möglichst viele den Sprung in die komplett digitalisierte Welt schaffen.

„Die Digitalisierung bringt auch viele neue Jobs, während gleichzeitig die Zahl der Arbeitskräfte demografiebedingt stark abnimmt. Auf längere Sicht bedeutet das aus gesamtwirtschaftlicher Sicht: Arbeitslosigkeit – das Schreckgespenst früherer Generationen – wird für die junge Generation an Bedeutung verlieren“, resümiert Dekabank-Experte Scheuerle.

Mehr von RP ONLINE