Frankfurt/M.: Anshu Jain umgarnt Aktionäre auf Deutsch

Frankfurt/M.: Anshu Jain umgarnt Aktionäre auf Deutsch

Der Co-Vorstandschef hat bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank die Anteilseigner überrascht. Restlos überzeugt hat er sie aber noch nicht, auch wenn der Brite den Kulturwandel genauso predigt wie Jürgen Fitschen.

Maschinengewehrgeknatter dröhnt aus dem Lautsprecher vor der Frankfurter Festhalle. Aktivisten von Blockupy, von Pax Christi und anderen Vereinigungen protestieren lautstark vor der Hauptversammlung der Deutschen Bank gegen die Finanzierung der Rüstungsindustrie durch das größte deutsche Geldhaus. Sie demonstrieren gegen Nahrungsmittelspekulation und gegen Umweltzerstörung. Die Deutsche Bank ist für sie so etwas wie der Inbegriff der unmoralischen Geldvermehrungsmaschine.

Drinnen versammeln sich etwa 5000 Aktionäre, um sich ein eigenes Bild von der Bank und vor allem von Anshu Jain und Jürgen Fitschen zu machen — dem Duo, das seit Anfang Juni 2012 die Bank führt. Viele bemängeln, man könne noch keine wirklichen Fortschritte erkennen, außerdem sei es ein Unding, dass Anshu Jain auf der Hauptversammlung noch nicht auf Deutsch spreche, moniert einer. Dann die Überraschung: Jain geht nach der Begrüßung durch Aufsichtsratschef Paul Achleitner ans Rednerpult - und begrüßt die Aktionäre auf Deutsch: "Ich freue mich sehr, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Dies ist ein bewegender Tag für mich", sagt der Brite, bevor er von mehreren Blockupy-Aktivisten unterbrochen wird. Die versuchen, unter Protestrufen, die Bühne zu stürmen. Jain lächelt etwas hilflos, Versammlungsleiter Achleitner kommt ihm zu Hilfe, indem er darauf verweist, dass die Aktivisten sich gern auf die Rednerliste setzen lassen könnten. Am Ende seiner Rede sammelt Jain noch einmal Punkte bei den Anteilseignern: "Ich hoffe, bei der nächsten Hauptversammlung ist mein Deutsch etwas besser."

Dazwischen liegen Aussagen über die harten Zeiten des vergangenen Jahres, über die harten Herausforderungen, denen sich die Deutsche Bank gegenwärtig gegenübersieht, von dem Bemühen, die Bank fit für die Zukunft zu machen. "Wir wollen die führende Universalbank sein, bei der Kunden im Mittelpunkt stehen. Weltweit erfolgreich und fest verankert in Deutschland", sagt Jain. Er bekräftigt die Absicht zum umfassenden "Kulturwandel", warnt aber vor zu großen Hoffnungen: "Wir wissen aber auch, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben."

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Die gleiche Bescheidenheit übt sein Amtskollege Jürgen Fitschen. Man müsse das Vertrauen der Kunden und der Gesellschaft insgesamt wiedergewinnen, sagt er. Ein neues Vergütungssystem, das sich nicht nur an der Erreichung finanzieller Ziele, sondern auch an "weichen Faktoren" wie der Kundenzufriedenheit ausrichtet, sei ein Ausdruck dieses Denkens. Mit der Neuorientierung wolle die Bank deutlich machen, dass Integrität und Verantwortung ihr Handeln bestimmten, sagt Fitschen: "Es geht nicht darum, ob etwas erlaubt ist. Es geht darum, ob es richtig ist." Ein wichtiger Satz in Zeiten, in denen die Deutsche Bank sich harter Kritik wegen der Affären um mögliche Zinsmanipulationen, den Verdacht auf Betrug durch einzelne Mitarbeiter beim Handel mit Emissionsrechten und anderen Skandalen — auch in den USA — gegenübersieht.

Fitschen trauen die Aktionäre offenbar eher zu, den Kulturwandel in der Bank voranzutreiben. Deshalb plädiert Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, für dessen Vertragsverlängerung über das Jahr 2015 hinaus. Beim Investmentbanker Jain müsse sich erst erweisen, ob er sich wirklich "vom Saulus zum Paulus" gewandelt habe, sagte Nieding: "Da reichen ein paar deutsche Sätze und ein gelegentlicher Besuch in einer Postbank-Filiale nicht aus." Komplett verschwunden ist das Misstrauen gegen den Mann aus London also noch nicht.

(RP)
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