Berlin: Anonyme Bewerbung hilft Frauen

Berlin: Anonyme Bewerbung hilft Frauen

Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und Ältere können bei einer Bewerbung bessere Chancen auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch haben, wenn sie sich anonym bewerben. Das ist das Fazit eines Pilotprojekts, das die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) und das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) mit fünf Unternehmen und drei öffentlichen Arbeitgebern durchgeführt haben. Ein Jahr lang haben Personalentscheider in bestimmten Bereichen nur anonyme Bewerbungen gesehen – sensible Daten wie Name, Geschlecht, Geburtsort oder Behinderungen wurden getilgt.

Christine Lüders, Leiterin der ADS, will weiter für die Anonymität eintreten: "Unser Pilotprojekt hat gezeigt, dass anonymisierte Bewerbungen den Fokus auf die Qualifikation des Bewerbers lenken." Vor allem Frauen hätten profitieren können, sagte Lüders. Ein Gesetz zur anonymen Bewerbung strebt sie aber ausdrücklich nicht an. Mehr als 8550 Bewerber hatten sich unter anderem bei der Deutschen Post, der Telekom und der Bundesagentur für Arbeit NRW beworben, 1293 Personen wurden zu Eignungstest oder Vorstellungsgespräch eingeladen, 246 Stellen wurden besetzt.

Die Unternehmen hatten an den Projekt freiwillig teilgenommen. Gerade deshalb stößt die Studie jedoch an ihre Grenzen: Die Unternehmen hatten sich bereits vorher gegen Diskriminierung eingesetzt. Nina Mohammadi, Sprecherin der Post, sagte unserer Zeitung: "Wir haben gemerkt, dass die bestehenden Verfahren Chancengleichheit gewährleisten." Signifikante Verbesserungen habe man nicht bemerkt. Das Verfahren wird daher nicht in den Alltag übernommen. Auch bei der Deutschen Telekom ist dies nicht geplant. Anders dagegen bei dem Online-Anbieter Mydays: "Wir ziehen ein sehr positives Fazit", sagt Sprecherin Astrid Braungart. "Wir mussten feststellen, dass auch wir nicht ganz frei sind von Vorurteilen." Mydays wird deshalb an der anonymen Bewerbung festhalten.

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Auch die Bewerber äußerten sich positiv: "Vor allem Bewerber, die in der Vergangenheit viele Ablehnungen erhalten haben, erklärten, sie hätten durch die Anonymität neuen Mut gefasst", so Telekom-Sprecher Husam Azrak. Ähnliches stellte die Bundesagentur für Arbeit NRW fest, die anonyme Bewerbungen für ein Traineeprogramm für Nachwuchsführungskräfte angenommen hatte. Die Zahl der Bewerbungen von Menschen mit Migrationshintergrund nahm nach der Berichterstattung über anonyme Bewerbungen um 35 Prozent zu.

(RP)
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