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Ein Ende ist nicht in Sicht: Amazon: Ein Jahr Streik ohne Ergebnis

Ein Ende ist nicht in Sicht : Amazon: Ein Jahr Streik ohne Ergebnis

Der Streit zwischen Verdi und dem Online-Händler erreicht Rheinberg. 400 Mitarbeiter legten dort am Dienstag die Arbeit nieder. Ein Ende ist nicht in Sicht. Kritiker werfen Verdi vor, es nur auf neue Mitglieder abgesehen zu haben.

Die Gewerkschaft Verdi droht dem Online-Versandhändler Amazon an weiteren Standorten in Deutschland mit Streiks. Auch in den bislang nicht bestreikten Logistikzentren würden sich die Verdi-Mitglieder bereits organisieren, sagte ein Gewerkschafts-Sprecher unserer Redaktion. "Unser Ziel ist es, immer wieder Druck auszuüben", sagte der Sprecher. Verdi setzt somit unverändert auf einen Arbeitskampf, der bis mindestens Weihnachten dauern soll.

Am Dienstag hat die Gewerkschaft erstmals am Standort in Rheinberg zum Streik aufgerufen. Es war das vierte bestreikte Logistikzentrum. Im Tagesverlauf legten laut Verdi rund 400 Mitarbeiter die Arbeit nieder. Ebenfalls 400 waren es auch bei dem Protest im bayerischen Graben. Amazon zufolge streikten insgesamt 530 Beschäftigte. Der Online-Händler bekräftigte, dass sich die Streiks nicht auf den Kundenversand auswirkten.

Verdi spricht von einem Erfolg

Silke Zimmer, Verdi-Landesfachbereichsleiterin in Nordrhein-Westfalen, sprach dagegen von einem großen Erfolg des Rheinberger Protests: "Er zeigt, dass die Kollegen Wertschätzung und Respekt von Amazon erwarten." Die Gewerkschaft fordert einen Tarifvertrag auf Einzelhandelsniveau. Amazon lehnt dies ab und sieht seine Mitarbeiter als Logistiker. Es sei wichtig, "dass sich Amazon mit Verdi überhaupt an einen Tisch setzt", sagte Tim Schmidt, Vorsitzender des Amazon-Betriebsrates in Rheinberg und Verdi-Mitglied.

Die Fronten bleiben auch mehr als ein Jahr nach den ersten Streiks in Leipzig und im hessischen Bad Hersfeld verhärtet. Die Auseinandersetzung zieht sich hin. "Das ist nicht ungewöhnlich", sagte Hagen Lesch, Ökonom am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Es gehe Verdi darum, einen Präzedenzfall zu schaffen, was entsprechend lange dauern werde. Zumal nur ein kleiner Teil der Belegschaft die Arbeit niederlegen werde. Der Schaden eines jeden Streiks bei Amazon sei nicht außergewöhnlich, summiere sich aber. Lesch sprach von einer Streikpolitik "der kleinen Nadelstiche". Bei Tarifkonflikten in der Banken-Branche werde ähnlich vorgegangen.

Experte: Verdi ist auf neue Mitglieder aus

Ähnlich äußerte sich Daniel Zimmermann, Verdi-Streikleiter in Rheinberg. Durch jeden Streik entstehe ein logistischer Mehraufwand für Amazon, der das Unternehmen Geld koste. "Bei einer solchen Auseinandersetzung braucht man Durchhaltekraft", betonte Zimmermann.

Auch Volker Rieble, Professor am Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht (ZAAR) der Ludwig-Maximilians-Universität München, sagte, der Streik sei "nicht völlig erfolglos". Er vermutet hinter dem Protest jedoch organisations-politische Gründe. Verdi wolle Stärke zeigen, die man nicht habe. Es gehe eher darum, neue Mitglieder zu generieren als Amazon zu Tarifverhandlungen zu bewegen. Rieble sagte: "Eine Gewerkschaft braucht nun einmal Kunden, das ist nicht verwerflich." Andererseits besitze Amazon "das volle Recht, tariflos zu bleiben".

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Verdi betonte, die Durchsetzungsfähigkeit als Interessenvertreter steige, je höher die Mitgliederzahl sei. Mehr Mitglieder würden mehr Druck bedeuten. "Nach unseren bisherigen Streiks haben wir durchaus Bewegung bei Amazon festgestellt", sagte ein Verdi-Sprecher. Er bezog sich dabei auf erstmals gezahltes Weihnachtsgeld an einigen Standorten.

Nach Angaben der Gewerkschaft werden an Mittwoch keine Logistikzentren bestreikt.

(RP)