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Berlin: AKW-Stresstest legt große Mängel offen

Berlin : AKW-Stresstest legt große Mängel offen

Nach sechs Wochen intensiver Arbeit legt die Reaktorsicherheits-Kommission ihren Bericht über die Robustheit der 17 deutschen Atomkraftwerke vor. Kein Reaktor wäre vor dem Absturz eines großen Verkehrsflugzeugs geschützt. Der Umweltminister deutet das Aus für die älteren Meiler an.

Die 17 deutschen Atomkraftwerke (AKW) sind zwar deutlich robuster als die japanischen Reaktoren, erfüllen die nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima deutlich erhöhten Sicherheitsanforderungen der Bundesregierung jedoch kaum. Keiner der 17 Meiler – auch nicht die moderneren Anlagen – könne sämtliche Anforderungen einhalten, lautete gestern das Fazit der sechswöchigen Sicherheitsüberprüfung durch die Reaktorsicherheits-Kommission (RSK).

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) deutete bei der Vorlage des Berichts das dauerhafte Aus für die älteren Kernkraftwerke an. Drei von ihnen – Biblis A, Brunsbüttel und Philippsburg I – seien überhaupt nicht vor Flugzeugabstürzen geschützt, sagte Röttgen.

Die Stresstests liefern der Bundesregierung und der von ihr eingesetzten Ethik-Kommission die technischen Grundlagen, wenn es jetzt darum geht, das Restrisiko jeder einzelnen Anlage zu bewerten. Noch vor der Sommerpause will die Regierung den beschleunigten Atomausstieg beschließen. Unmittelbar nach dem Reaktorunfall in Fukushima hatte sie bereits ein Moratorium über die sieben ältesten Kernkraftwerke verhängt und diese abschalten lassen. Dass sie wieder hochgefahren werden, ist nach der Vorlage des RSK-Berichts noch unwahrscheinlicher geworden.

In wenigen Wochen haben etwa 100 Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler überprüft, ob die Atomkraftwerke unter anderem vor Flugzeugabstürzen, Hochwasser oder Stromausfällen ausreichend geschützt sind. Sie waren dabei ausschließlich auf die Antworten der AKW-Betreiber angewiesen. In der Kürze der Zeit sei ein Sicherheitscheck vor Ort in den Kraftwerken nicht möglich gewesen, sagte RSK-Chef Rudolf Wieland.

Die Grünen kritisierten dieses Vorgehen scharf. "Das ist ein Schnellschuss in weniger als vier Wochen, der hauptsächlich auf nicht überprüfbaren Aussagen der AKW-Betreiber basiert. Die Prüfteams haben das Innere der AKW nicht gesehen", sagte Fraktionsvize Bärbel Höhn unserer Zeitung.

Nach dem RSK-Bericht wäre keine Anlage in Deutschland ausreichend geschützt, wenn ein großes Verkehrsflugzeug, etwa eine Boeing 747 oder ein Airbus A 380, auf einen der Reaktoren stürzen würde. Die Meiler Unterweser, Isar I und Neckarwestheim I könnten den Absturz eines kleineren Militärflugzeugs vom Typ Starfighter aushalten, so der Bericht. Alle anderen Reaktoren, ausgenommen jene Drei, die überhaupt keinen Schutz aufwiesen, könnten auch Abstürze von mittelgroßen Verkehrsflugzeugen vom Typ Phantom noch verkraften.

Ein anderes Bild ergibt sich bei der Frage, ob die Reaktoren vor Überschwemmungen ausreichend geschützt sind, die in Deutschland sehr viel wahrscheinlicher sind als etwa so starke Erdbeben wie in Japan. Für den Stresstest haben die Experten die bisherigen Sicherheitsanforderungen erhöht. Bisher galt als Messlatte das sogenannte Bemessungshochwasser – jenes Wasserstandshöchstmaß, das sich nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf der Datenbasis der letzten 10 000 Jahre ergibt. Diese bisherige Messlatte erhöhten die Experten in Szenarien um einen und um zwei Meter. Ihr Ergebnis: Nur die Kernkraftwerke Biblis A und B, Emsland, Isar I und II sowie Krümmel könnten die erhöhten Anforderungen erfüllen, alle übrigen müssten erheblich nachgerüstet werden.

Die deutschen Reaktoren hätten immerhin allesamt große Sicherheitsreserven bei Erdbeben, sagte RSK-Chef Wieland. Auch die Stromversorgung sei durchgehend robuster als die japanischer Kraftwerke.

Deutliche Kritik übte Wieland an den japanischen Behörden. "Wir müssen feststellen, dass es hier nicht ein Ereignis war, was nicht denkbar, nicht vorhersehbar war." Vielmehr habe es sich in Fukushima um ein Ereignis gehandelt, das von den Sicherheitsbehörden "hätte berücksichtigt werden müssen".

Die Bundesregierung wartet nun den Bericht der Ethik-Kommission ab, die vom früheren Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) und dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, geleitet wird. Sie legt ihre Empfehlungen am 30. Mai vor. In einem Entwurf für den Abschlussbericht hieß es, man rate zu einem vollständigen Atomausstieg bis 2021. Unter Umständen könne der letzte Meiler sogar schon früher vom Netz gehen.

(RP)