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Aktionärskritik begleitet Vonovias Übernahme

Immobiliendeal : Aktionärskritik begleitet Vonovias Übernahme

Die Deutsche Wohnen hat Anlegervertreter nachhaltig vergrätzt, weil sie den Verzicht auf alle Bedingungen durch den Käufer klaglos akzeptiert. Das sei „schlecht für die Aktienkultur“, heißt es.

Die Formulierungen waren markig: Vom „Handeln nach Gutsherrenart“. „Ein schwarzer Tag für die Aktienkultur“, heiß es. Und: „Verrat an den Aktionären“. Schwere Geschütze also, die ein Sprecher der Fondsgesellschaft Union Investment aufgefahren hat. Sie richten sich gegen den Vorstand der Wohnungsgesellschaft Deutsche Wohnen, die vom Konkurrenten Vonovia im nunmehr dritten Anlauf übernommen werden soll. Der Grund für den Verdruss des Aktionärsvertreters ist die Tatsache, dass die Vonovia die Übernahmeschwelle auf Null gesenkt hat. Im Klartext heißt das: Der Bochumer Konzern, dessen Angebot zunächst an das Erreichen der 50-Prozent-Marke geknüpft war, hat diese und alle anderen Bedingungen für eine erfolgreiche Übernahme zurückgenommen. Die Schwelle entfällt.

Die Option, dies eine Woche vor dem Ende der ursprünglichen Angebotsfrist zu tun, hatte sich Vonovia allerdings auch im Angebot offengehalten. Insofern erscheint der in der „Euro am Sonntag“ geäußerte große Ärger einerseits schwer nachvollziehbar. Andererseits: „So sind zwar die Spielregeln, aber das gehört nicht zum guten Ton“, sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Sparkassentochter Deka. Zudem wirke es wie ein Armutszeugnis, „wenn man mit seinem Angebot nicht mal 50 Prozent der Aktionäre überzeugen kann“. Das sei dann auch ein Misstrauensvotum gegenüber Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn. Der hatte das Angebot der Vonovia als fair eingestuft und den Aktionären des von ihm geführten Konzerns die Annahme empfohlen.

Die Berliner sehen keine Probleme an ihrem Verhalten: „Mit der Entscheidung der Vonovia, auf die Mindestannahmeschwelle zu verzichten, gewinnt der partnerschaftliche Zusammenschluss an Sicherheit. Nach sorgfältiger Prüfung unterstützt die Deutsche Wohnen diesen Schritt“, erklärte das Unternehmen am Dienstag auf Anfrage. Es gebe keine triftigen Gründe, die dagegen sprächen. Eine Fusion der Wohnkonzerne sei weiterhin sinnvoll: „Gemeinsam können wir einen erheblichen positiven Beitrag für die Immobilienmärkte leisten, in klimafreundlichen und bezahlbaren Wohnraum sowie in Neubauten investieren.“

Für die Deutsche-Wohnen-Anteilseigner, die sich bisher noch nicht entschieden haben, ob sie ihre Aktien an die Vonovia verkaufen wollen, ist der Verzicht des größten deutschen Wohnungskonzerns auf eine Mindestschwelle allerdings gleichbedeutend damit, dass sie nicht mehr auf ein höheres Angebot hoffen dürfen. Darauf hatten beim ersten Versuch die Hedgefonds spekuliert. Eine höhere Offerte hätte im Raum gestanden, wenn Vonovia nur so die 50 Prozent rechtzeitig hätte überspringen können. Die Bochumer hielten zum Zeitpunkt des Verzichts nur etwas mehr als 34 Prozent der Anteile, was den Erfolg der Übernahmepläne mit Schwelle unsicher erscheinen ließ – daher die Option. Mittlerweile haben sie die 50-Prozent-Grenze aber fast erreicht.

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Und es könnten noch mehr werden. Die beiden Konzerne haben ja vereinbart, dass die Deutsche Wohnen im Falle einer Streichung der Mindestannahmeschwelle eigene Aktien an Vonovia verkauft. Damit fällt knapp ein Prozent der Anteilsscheine an die Bochumer. Hinzu kommen weitere 5,17 Prozent, die Vonovia aus einer Kapitalerhöhung zufallen. „Das ist eine Übernahme mit der Brechstange“, urteilt Speich, der das Ganze auch als „schlecht für die Aktienkultur“ bezeichnet. Sollte der Preis im Oktober (bis dahin gilt die Offerte) fallen, könnten die Bochumer über den Markt günstiger als 53 Euro zukaufen. Dass der Kurs sinken wird, ist aus Sicht der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wahrscheinlich: „Vonovia hat angekündigt, dass es bei der Deutsche Wohnen keine Dividende mehr geben wird. Die ETFs und die Hedgefonds werden sich aus dem Aktionärskreis verabschieden. Der Druck auf die Aktie wird deutlich größer“, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler unserer Redaktion.

Auch wenn die Vonovia die Option im Angebot aufgeführt hatte und damit für alle klar war, dass sich Bedingungen ändern könnten – glücklich ist der Schritt aus Sicht der DSW nicht.

„Es muss bei Übernahmen ein klares, definitives Angebot geben, bei dem man nicht nachher noch mal den Stecker ziehen und die Bedingungen ändern kann. Da muss man mehr auf die Interessen der Aktionäre schauen, an die das Angebot geht“, fordert Tüngler und ergänzt: „Wir müssen eine Diskussion darüber führen, ob ein kompletter Verzicht auf Annahmebedingungen in einer laufenden Übernahme von vornherein ausgeschlossen werden sollte.“